In den nächsten zehn Jahren müssen die SBB tausend zusätzliche Lokführer finden. Nur so können sie den Mehrverkehr auf dem Schweizer Schienennetz und die anstehende Pensionierungswelle bewältigen. Dabei greift die Bahn zu ungewöhnlichen Mitteln. Das Staatsunternehmen zahlt Mitarbeitern eine Prämie von 2500 Franken für die Vermittlung eines neuen Angestellten. «Die so genannte Gewinnungsprämie beträgt 2500 Franken. Sie gilt für Berufszweige wie Lokführer, Zugbegleiter und Informatik», bestätigt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Sie werde Mitarbeitern ausbezahlt, die eine Drittperson für eine Stelle empfehlen oder die von Bewerbern als Referenz angegeben werden: «Derjenige, der die Person vermittelt hat, bürgt für die Person.»

Eine Regelung, die Headhunter Stefan Binder als «problematisch» erachtet. «Das ist ein falscher Anreiz für Mitarbeiter. Denn diese sollten unentgeltlich für ihren Arbeitgeber weibeln und nicht, weil sie dafür Geld kriegen. Gerade für ein Staatsunternehmen wie die SBB ist diese Praxis befremdlich», sagt Binder, Managing Partner bei Odgers Berndtson in Zürich, das zu den international agierenden Headhunter-Unternehmen mit 60 Niederlassungen gehört. Das sei eine Tupperware-Mentalität: Man ermutige Leute, ihr privates Umfeld in den Dienst der Firma zu stellen.

Für die SBB geht diese Strategie auf. «Neue Arbeitskräfte zu finden, ist nicht immer einfach. Der Arbeitsmarkt ist je nach Region ausgetrocknet, wir müssen beispielsweise im Bereich der Zugbegleitung auch im grenznahen Ausland nach neuen Mitarbeitern suchen. Solche Vermittlungsgebühren sollen für Mitarbeiter eine Motivation sein und uns helfen, gute Leute zu finden», präzisiert Sprecher Ginsig. Lokführer zu finden, sei nicht einfach, insbesondere wegen der unregelmässigen Arbeitszeiten.

Für den Verband Schweizer Lokomotivführer (VSLF) ist dies nur einer von vielen Aspekten, weswegen ein Notstand droht. Denn: Die Verantwortung der Lokführer werde immer grösser, sagt deren Präsident Hubert Giger. «Wir fahren fünf Stunden am Stück ohne Pause, müssen je länger, je mehr Nacht- und Wochenendschichten einlegen und haben sehr unregelmässige Arbeitszeiten», sagt Giger. Man presse die Lokführer wie Zitronen aus. Er nennt es «Produktivitätssteigerung auf dem Buckel der Mitarbeiter» und warnt: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Zugunglück von Olten wiederholt.»

Am 6. Oktober überfuhr ein Lokführer der S-Bahn aus Läufelfingen BL beim Bahnhof Olten ein Rotsignal. Folge: Kollision zweier Regionalzüge. Dass es zu keiner Frontalkollision kam, war laut Giger bloss Zufall. Erst im August gab es eine Streifkollision zweier Züge in Döttingen AG. Für VSLF-Chef Hubert Giger ist klar: «Der Taktfahrplan und die Signale werden immer enger bemessen. Man vergisst dabei, dass im Führerstand immer noch Menschen lenken.» Immer mehr monotone Strecken, Arbeitsbelastungen in Form von dichten Einsatzplänen, aber auch die kurzfristig angesetzten Arbeitsaufgebote der Mitarbeiter fördern die Fehlerquellen. «Das muss man jetzt endgültig anschauen.»

Deshalb fordert Giger von den Verantwortlichen des Bundesamts für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) und dem Bundesamt für Verkehr (BAV) Vorgaben an die Bahnen, um dem Druck im Führerstand entgegenzuwirken. Giger: «Nur so können wir auf Dauer die Sicherheit der Passagiere gewährleisten.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!