Was ist nur los bei den SBB? In den vergangenen Wochen haben sich Unfälle auf dem Schienennetz in ungewöhnlicher Weise gehäuft. Während sich normalerweise pro Jahr eine bis drei Entgleisungen ereignen, waren es allein seit Anfang Februar 2013 deren sechs.

In Cossonay VD: Vorgestern Freitag überfuhr eine Diesel-Rangierlokomotive einen Prellbock und stürzte in den Fluss.

In Bern Ausserholligen: 7. März, ein neuer Doppelstockwagen entgleiste.

Im Bözbergtunnel AG: 6. März, ein Schotterwagen entgleiste.

In Bassersdorf ZH: 28. Februar, ein Güterwagen entgleiste.

In Schwerzenbach ZH: 16. Februar, eine S-Bahn-Komposition entgleiste.

In Châtillens VD: 2. Februar, ein Zug entgleiste wegen eines Erdrutschs.

Hinzu kommen drei Zusammenstösse, darunter der Crash bei Neuhausen SH vor zwei Monaten, bei dem 17 Menschen verletzt wurden.

Alles bloss Zufall? Hans Vogt, seit vielen Jahren SBB-Sicherheitschef, sagt, dass es sich um eine «aussergewöhnliche Häufung» handle. Doch jeder dieser Zwischenfälle sei unterschiedlich zu beurteilen: «Wir erkennen keinen Zusammenhang», sagt Vogt, der mit Philippe Gauderon, dem Leiter der SBB-Infrastruktur, die Medien morgen Montag detailliert informieren wird.

Die Unfallserie war am Freitag auch Thema im SBB-Verwaltungsrat. Präsident Ulrich Gygi sagt: «Wir nehmen jeden einzelnen Vorfall ernst, aber ein eigentliches Muster zeigt sich nicht.» Rückendeckung bekommt das SBB-Management von der Eisenbahnergewerkschaft (SEV). «Die SBB haben kein Sicherheitsproblem, Reisen mit dem Zug ist nach wie vor sehr sicher», sagt Gewerkschaftspräsident Giorgio Tuti. Dennoch weist er einmal mehr darauf hin, dass viele Lokführer, aber auch andere SBB-Mitarbeiter «am Anschlag» seien. Die Belastung habe angesichts der Produktivitätssteigerungen zugenommen. Tuti: «Beim Personal ist nun eine Grenze erreicht.»

Irritierend ist, dass bei mehreren Zwischenfällen auf dem Bahnnetz die Ursache bis heute unklar geblieben ist. Auch dauern die Reparaturen oft sehr lange, mehr und mehr «Langsamfahrstrecken» drohen das Netz aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Strecke bei Schwerzenbach – die S-Bahn entgleiste Mitte Februar – ist bis heute nicht wiederhergestellt. Ein Bähnler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, spricht von «italienischen Zuständen».

Heutzutage kommt es vor, dass Passagiere filmen, wie Waggons wieder aufs Gleis gesetzt werden. Auf Youtube ist etwa zu sehen, wie dilettantisch das im Fall Schwerzenbach geschieht. Oftmals sind es Mannschaften der sogenannten Lösch- und Rettungszüge, welche die Aufgleisungen vornehmen. Offenbar fehlen ihnen aber bisweilen die erforderlichen Kenntnisse der verschiedenen Fahrzeugtypen.

Nicht nur in den letzten Wochen, auch im ganzen Jahr 2012 haben die sicherheitsrelevanten Vorfälle gegenüber 2011 zugenommen, wie die SBB morgen mitteilen werden. Ein trauriger Grund lässt sich aber nur bedingt beeinflussen: Gemäss «Sonntag»-Recherchen haben letztes Jahr 130 Menschen Suizid begangen, indem sie sich vor einen Zug warfen. Im Vorjahr kam es zu 110 Suiziden.

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