Bis 2030 rechnen die SBB auf dem Schienennetz mit einer Passagierzunahme von 30 Prozent. Doch die Pendlerströme an den Bahnhöfen werden noch stärker wachsen, weil sie stetig ihr Shoppingangebot ausbauen und neue Büro- und Wohngebäude in Bahnhofsnähe gebaut werden.

Beispiel Zürich Hauptbahnhof: Hier gibt es schon heute zur Rushhour vor lauter Pendlern fast kein Durchkommen. 437 000 Passagiere und Passanten zählen die SBB am Nadelöhr – pro Tag. In Zukunft wird die Betriebsamkeit laut aktuellsten SBB-Prognosen noch hektischer. In den nächsten zwanzig Jahren rechnen die Bundesbahnen mit einer Zunahme der Pendlerströme am Hauptbahnhof um 70 Prozent auf 743 000.

Diese Zahl nannte SBB-Immobilien-Chef Jürg Stöckli diese Woche am Shoppingcenter-Kongress in Zürich. In seiner Präsentation vor Branchenpublikum zeigte Stöckli das Zukunftsszenario auch für die anderen Bahnhof-Hotspots auf (siehe Grafik). In Luzern, Basel und Bern dürften die Passantenströme demnach um bis zu 50 Prozent zunehmen. Noch mehr sind es in der Romandie, in Genf und Lausanne. Die Zahl der Passagiere, die von und zu den beiden boomenden Genfersee-Städten pendeln, hat sich allein zwischen 2000 und 2010 verdoppelt. Bis 2030 wird eine weitere Verdoppelung auf 100 000 Passagiere erwartet.

Am Bahnhof Lausanne beginnen übernächstes Jahr denn auch die bis 2025 andauernden Bauarbeiten. Die Perrons werden verlängert, damit sie für 400 Meter lange Doppelstockzüge geeignet sind. Hinzu kommen eine dritte Unterführung und ein zweites Geschoss. Der Bahnhofplatz erhält ein Facelifting. Kostenpunkt: 1,2 Milliarden Franken. Das antizipierte Wachstum in Genf begründet Jürg Stöckli vor allem mit der Bahnstrecke Cornavin–Eaux-Vives–Annemasse, die ab 2019 die grenznahe Stadt Annemasse in Frankreich mit dem Genfer Bahnhof verbinden soll. Kostenpunkt: 1,5 Milliarden Franken. Sie wird eine Erleichterung für Grenzgänger sein. Tausende Franzosen und Schweizer, die sich eine Wohnung in Genf nicht mehr leisten können, pendeln heute von Frankreich zur Arbeit in die Calvin-Stadt. Erst kürzlich wurde der Bahnhof Genf-Cornavin für 110 Millionen modernisiert.

Das grösste Wachstum erwarten die SBB aber im Tessin mit 90 Prozent, also beinahe einer Verdoppelung der heutigen Zahlen. Der Grund: Die neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) mit den Basistunneln durch den Gotthard und den Monte Ceneri wird die Zugfahrt in die Schweizer Sonnenstube um eine volle Stunde verkürzen. Kostenpunkt für das Neat-Projekt nach aktuellem Stand: 23,5 Milliarden Franken. Seit diesem und letztem Jahr werden die Bahnhöfe Lugano und Bellinzona renoviert und vergrössert.

Im Dezember 2016 werden dann die ersten Züge im Schnelltempo durch den mit seinen 57 Kilometern längsten Eisenbahntunnel der Welt rollen. Ab 2020 dauert die Fahrt Zürich–Lugano weniger als zwei Stunden, nach Mailand weniger als drei. Die Arbeiten hatten 1999 begonnen, was zeigt, wie viele Jahre im Voraus der Bund grosse Baupläne in Angriff nehmen muss.

Wie die neusten Wachstumsprognosen zustande gekommen sind und auf welchen Annahmen sie beruhen, erklärt SBB-Sprecher Reto Schärli nicht im Detail: «Die Zahlen werden in Zusammenarbeit mit dem Bund und den Kantonen aufgrund der Erfahrungswerte prognostiziert, um das Bahnnetz der Zukunft planen zu können.» Das Bundesamt für Statistik rechnet in seinem mittleren Szenario mit einem Bevölkerungswachstum von heute 8,2 Millionen Einwohnern auf 8,7 im Jahr 2023.

Für die SBB bedeuten die Zukunftsszenarien eine enorme Herausforderung. Allein in den nächsten sechs Jahren werde man bis zu 600 Millionen Franken pro Jahr für Aus- und Neubauten von Gebäuden ausgeben, sagt Immobilien-Chef Jürg Stöckli.

Stöckli sieht in der erwarteten Pendlerzunahme auch Opportunitäten: «Mit dem Wachstum der Bahnhöfe erfahren die Gebäude rundherum eine Wertsteigerung, von der wir profitieren möchten.» In der Vergangenheit hatten die SBB zuweilen ihre Standorte verkauft, seit 2011 will man an ihnen festhalten. Bekanntestes SBB-Anlageobjekt der letzten Jahre ist die Europaallee beim Hauptbahnhof Zürich, die 2500 Studienplätze, über 6000 Arbeitsplätze, 300 Wohnungen und 160 Hotelbetten beherbergen wird. Die Konstruktion dieses neuen Stadtteils bis 2019 kostet 1,3 Milliarden Franken.

Am Genfer Standort La Praille bauen die SBB für 650 Millionen Franken Häuser. Weitere Projekte existieren in Morges VD (180 Millionen), Eaux-Vives GE (130 Millionen), Renens VD (110 Millionen) und Chêne-Bourg GE (70 Millionen). Projekte, die für die SBB zu nachhaltigen Einnahmequellen werden sollen.

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