SBB lassen Pendler stehen

Stehplatzzonen wie bei der Berner Regionalbahn RBS wollen auch die SBB. Foto: HO

Stehplatzzonen wie bei der Berner Regionalbahn RBS wollen auch die SBB. Foto: HO

Mit mehr Stehplätzen wollen die Bahnen das Platzproblem in den überfüllten S-Bahn-Zügen lösen.

Die SBB haben ein Rezept gegen ihre überfüllten Züge gefunden: Sie reissen einige Sitzabteile heraus und ersetzen sie durch Stehplätze. Diesen Herbst beginnt auf der Linie 1 der Regio-S-Bahn Basel ein entsprechender Pilotversuch. In zwei Flirt-Zügen von Stadler Rail, die von Basel nach Frick und Laufenburg verkehren, werden sechs Viererabteile entfernt, also 24 Sitzplätze geopfert. Der gewonnene Raum wird zur Stehplatzzone, in der deutlich mehr Passagiere Platz finden. Sie ist mit Haltegriffen und Rückenlehnen ausgestattet. Bei geringen Frequenzen lässt sich auf Klappsitzen Platz nehmen.

«Das Pilotprojekt startet im November», bestätigt SBB-Sprecher Reto Schärli. Die SBB wollen damit nicht nur die Passagierkapazität der Züge erhöhen, sondern auch deren Pünktlichkeit. Denn heute versperren stehende Passagiere oft die Eingangstüren und behindern das Ein- und Aussteigen, was den Fahrplan durcheinanderwirbelt.

Ist der Pilotversuch erfolgreich, werden Stehplatzzonen bei weiteren Linien eingerichtet. «Das ist natürlich die Idee», bestätigt Benno Jurt, Leiter Mobilitätsplanung des Kantons Basel-Stadt. «Wir gehen davon aus, dass die Akzeptanz, auf kürzeren Fahrten zu stehen, gross ist. Das ist ja heute schon Realität.» Auf welchen weiteren Linien die SBB Stehplatzzonen planen, wollen sie noch nicht verraten. Das Geheimnis soll in einem Monat gelüftet werden. In der Pole-Position stehen nebst Basel die S-Bahnen von Zürich und Bern. Denn sie sind in den Morgen- und Abendstunden am stärksten überlastet.

Im Berner S-Bahnnetz, das von der BLS und der Regionalbahn RBS betrieben wird, hat man bereits positive Erfahrungen mit Stehplatzzonen gemacht. Als erstes Schweizer Bahnunternehmen ging die RBS im Jahr 2010 voran. Auf der Linie Bern–Unterzollikofen, wo die Reisezeit nur 10 Minuten beträgt, ist seither ein ganzes Abteil stehenden Passagieren, Rollstuhlfahrern, Kinderwagen und Velos vorbehalten. 24 Sitze sind weggefallen, was Platz für 70 zusätzliche Passagiere schafft. Das komme bei den Reisenden gut an, sagt Sprecherin Fabienne Thommen. Bislang sei keine einzige Reklamation eingetroffen. Ab Oktober gibt es nun auch auf der RBS-Linie Bern–Jegenstorf Stehplatzzonen und weniger Sitzplätze. Die Linie Bern–Worb soll später folgen.

In den S-Bahnen Luzern, Zug, Aargau und St. Gallen sind hingegen keine zusätzlichen Stehplatzzonen geplant. Hier reicht nach Angaben der Kantone der bestehende Platz aus. Dies, weil sie in den letzten Jahren neue Wagenflotten gekauft haben, die bereits mit einem grosszügigen Stehplatzbereich rund um die Eingangstüren ausgerüstet sind.

Diese sogenannten Multifunktionsabteile (von Bähnlern auch «Drängelzonen» genannt) hätten sich auch in den S-Bahnen von Zürich und Bern bewährt, sagen die SBB und die BLS. «Die Kapazität der Züge hat sich dadurch erhöht, gleichzeitig entsprechen wir einem neuen Bedürfnis der Kunden bei kurzen Strecken», sagt SBB-Sprecher Schärli. «Es wollen gar nicht alle für ein, zwei Bahnhöfe sitzen.»

Eine Sitzplatzgarantie wollen die SBB nur noch in Fernverkehrszügen abgeben. Auf kürzeren Strecken sei es kein Problem, auch mal stehend zu reisen, finden hingegen die Kantone, die letztlich als Besteller das S-Bahn-Angebot bestimmen.

Als Konsens gilt, dass stehend Reisen bis zu einer Viertelstunde zumutbar ist. «Bei Reisen von 10 bis 15 Minuten kann man stehen», sagt etwa Hans Ruedi Rihs, Leiter des Amtes für öffentlichen Verkehr des Kantons Aargau. Gleich tönt es aus den Kantonen Bern, Zug und St. Gallen. Die Begründung: Wegen zweier Spitzen am Morgen und Abend könne nicht das ganze S-Bahn-System auf Sitzplätze ausgerichtet werden.

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