Niemand bei den SBB kann sich genau erinnern, seit wann die Güterverkehrssparte in den roten Zahlen ist. Denn früher wurden die Spartenergebnisse nicht separat ausgewiesen. SBB-Pressechef Stephan Wehrle geht davon aus, dass es 40 Jahre waren, während denen die Cargo-Abteilung Verluste schrieb.

Darum lässt das Ergebnis des Geschäftsjahres 2013 aufhorchen, das zwar noch provisorisch ist, aber dessen «Farbe» klar ist: Schwarz. Zum ersten Mal weist SBB Cargo wieder einen Gewinn aus, wenn auch nur einen kleinen. Gemäss Informationen der «Schweiz am Sonntag» bewegt er sich im einstelligen Millionenbereich. Zum Vergleich: 2012 gabs einen Verlust von 51 Millionen Franken. Die SBB äussern sich nicht zu den Zahlen und verweisen auf die Bilanzmedienkonferenz vom 25. März, Stephan Wehrle sagt immerhin: «Es sieht gut aus, dass wir das angestrebte ausgeglichene Resultat im Güterverkehr erreichen werden.»

Unzählige Cargo-Chefs hatten genau das versprochen, und es kam dann doch immer anders. Entsprechend wechselten diese Chefs bisweilen im Jahresrhythmus. Der aktuelle Leiter des Güterverkehrs, Nicolas Perrin (54), ist hingegen seit 2008 im Amt. Er verordnete dem Sorgenkind der Bahn eine Verschlankungskur, 2012 senkte er die Kosten um 35 Millionen Franken, 2013 sogar um 45 Millionen, wie Insider sagen. Das ermöglichte den Turnaround.

Auf der Einnahmenseite sieht es unvermindert schlecht aus. Unglaublich, aber wahr: SBB Cargo erwirtschaftet heute weniger Umsatz als im Jahr 1970 (zu nominalen Preisen), teuerungsbereinigt verdient der Güterkehr etwa viermal weniger als damals. In den 70er-Jahren waren die SBB mehr Güter- als Personenbahn; sie machten mit Cargo doppelt so viel Umsatz wie mit dem Personentransport. Heute aber erzielt der SBB-Personenverkehr fast viermal so viel Umsatz wie der Güterverkehr (2,8 Milliarden gegenüber 800 Millionen Franken).

Gemäss den Recherchen sank der Personalbestand von SBB Cargo auch 2013 deutlich. Weniger als 3300 Mitarbeiter sind hier noch beschäftigt. Vor zehn Jahren waren es noch fast 5000.

Das zeigt das Grundproblem von Cargo: Der Bereich ist finanziell so lange gesund, als er jedes Jahr Kosten senkt. Doch irgendwann wäre er bei null – es gäbe keinen Güterverkehr mehr. Aus verkehrspolitischer Sicht eine Horrorvision, denn die Verlagerung von der Strasse auf die Schiene ist ein zentraler Pfeiler der Verkehrspolitik. Im alpenquerenden Verkehr haben die SBB noch einen Marktanteil von 23 Prozent. Die Strasse wächst schneller als die Schiene.

Vor allem im internationalen Güterverkehr, wo ein brutaler Preiskampf auf dem völlig liberalisierten Markt tobt, geraten die SBB ins Hintertreffen. Die Deutsche Bahn fährt den Schweizern im Nord-Süd-Verkehr um die Ohren.

SBB-Konzernchef Andreas Meyer sprach an einer internen Sitzung von einer «tickenden Zeitbombe». Er stellt – wie zuverlässige Quellen bestätigen – die ganze Abteilung SBB Cargo International infrage. «Wenn wir hier keine Lösung finden, müssen wir diesen Bereich aufgeben», soll er klipp und klar gesagt haben. Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für diese Gesellschaft, der erst vor knapp zwei Jahren abgeschlossen wurde, sei im verschärften Wettbewerbsumfeld ein Hindernis, betonen Insider. Die Gewerkschaften – bei den SBB traditionell äusserst einflussreich – würden mit ihrer «sturen Haltung» den gesamten Geschäftsbereich gefährden.

Die Lage im internationalen Geschäft ist seit langem dramatisch und spitzt sich jetzt zu. Die erst 2011 gegründete Gesellschaft SBB Cargo International, an der auch die private Hupac beteiligt ist, ist der wiederholte Versuch der SBB, mit einer selbstständigen Firma im Nord-Süd-Verkehr Fuss zu fassen. Im letzten Jahrzehnt versuchten sie es mit den Tochtergesellschaften SBB Cargo Deutschland und SBB Cargo Italia. In den 90er-Jahren gab es ein gemeinsames Projekt mit der italienischen Staatsbahn FS unter der Marke «Cargo Svizzera-Italia». Alle Projekte scheiterten.

Angesichts dieser Probleme fällt die Freude bei den SBB über die schwarzen Zahlen verhalten aus. Pressechef Stephan Wehrle sagt: «Auch in Zukunft bleibt das Geschäft von SBB Cargo sehr anspruchsvoll. Daher sind weiterhin grosse Anstrengungen erforderlich.»

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