Nie war der Beginn einer Fifa-Präsidentschaft besser dokumentiert als bei Gianni Infantino. Im Stil einer Doku-Soap konnte die Öffentlichkeit teilhaben an den ersten fünf Monaten Amtszeit des Wallisers an der Spitze des Weltfussballs. Sie erfuhr Ungeheuerliches und Unbedeutendes: geschenkte Privatflüge von WMOrganisatoren und Fifa-Sponsoren, geschasste Mitarbeiter als Racheakt für fehlende Loyalität, den echten Wert einer guten Matratze und die effektiven Kosten eines wirklich eleganten Smokings (1415 Franken). Der Einblick ins Innenleben der Fifa-Führung offenbarte einen Präsidenten ohne Flair für Demut und Bescheidenheit. Einen Elefanten im Porzellanladen.

Längst ist bekannt, wer dieses zweifellos verzerrte Bild des einstigen Hoffnungsträgers genussvoll zelebrierte. Der Mitte Mai zurückgetretene Fifa-Chefaufseher Domenico Scala und der Ende Mai entlassene Finanzchef Markus Kattner deckten die Ethikkommission mit Anzeigen gegen Infantino wegen Amtsmissbrauch und Verstössen gegen die Ethikcharta ein. Und sie sorgten fleissig dafür, dass die vermeintlichen Verfehlungen den direkten Weg zu den Medien fanden.

Voruntersuchung gegen Scala
Zumindest im ersten Teil ist es bei Verdacht auf Fehlverhalten der vorgegebene Weg und eine der ureigenen Pflichten einer Aufsichtsperson. Schliesslich begründete Scala seinen sofortigen Rücktritt nach dem Kongress in Mexiko, als sich die Fifa-Regierung (Council) für ein Jahr das Recht auf Absetzung von Aufsichts- und Ethikführung erteilen liess, auch entsprechend. «Die Aufsichtsgremien wurden ihrer Unabhängigkeit beraubt und drohen zu Erfüllungsgehilfen derer zu werden, die sie kontrollieren sollten», liess der Baselbieter mit italienischen Wurzeln verlauten.

Nun sieht sich Domenico Scala mit dem Vorwurf konfrontiert, er selbst habe bei Infantinos Vorgänger Sepp Blatter und dessen oberstem Machtzirkel genau die Rolle des Erfüllungsgehilfen perfekt gespielt. Die Ethikkommission führte in den letzten Wochen nicht nur gegen Infantino, sondern auch gegen Scala und Kattner Voruntersuchungen.

Kein Verfahren gegen Infantino?
Es geht dabei um äusserst fragwürdige Arbeitsverträge mit goldenen Fallschirmen bei einem Abgang und nicht nachvollziehbaren Bonus-Zahlungen in Millionenhöhe. Scala signierte diese Verträge 2015 just in einer Zeit, in der die US-Justiz und die Schweizer Bundesanwaltschaft bei der Fifa keinen Stein auf dem andern liessen.

Domenica Scala lässt ausrichten, er habe «keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Untersuchungen der Ethikkommission» gegen seine Person, wie Andreas Bantel sagt, der bis Mitte Mai Sprecher der Audit-&-Compliance-Kommission der Fifa unter Scalas Präsidium war und diesem nahesteht.

Wie jedoch zuverlässige Quellen der «Schweiz am Sonntag» sagen, droht Scala wie auch Kattner noch mehr: ein ordentliches Verfahren. Eine offizielle Bestätigung vonseiten der Ethikkommission gibt es wie immer nicht. «Wir können diesen Sachverhalt weder bestätigen noch dementieren», lässt die Untersuchungskammer ausrichten.

Genau so tönt es zum Fakt, dass wohl bereits nächste Woche definitiv entschieden wird, ob es auch gegen Infantino zum Prozess kommt. Weil dem Walliser zwar teilweise moralisches Fehlverhalten, aber nur bedingt Verstösse gegen Ethik-Charta und Verbandsrecht vorgeworfen werden können, steht diese Entscheidung auf Messers Schneide. In der Fifa-Zentrale rechnet man aufgrund der Fakten und nach den Aussagen von mehr als 20 Zeugen vor der Untersuchungskammer jedenfalls mit keinem Verfahren gegen Infantino.

Die Ethikkommission gibt sich betreffend ihrer eigenen Arbeit ganz bewusst bedeckt. In den Fällen von Sepp Blatter und Michel Platini bewies sie ihre Unabhängigkeit. Der frühere Zürcher Staatsanwalt Cornel Borbely hat deshalb nur ein müdes Lächeln dafür übrig, wenn derzeit wie bereits bei Platini versucht wird, die Glaubwürdigkeit der Institution anzukratzen. Der als «knallhart und fadengerade» beschriebene Borbely wird sich von der theoretisch möglichen Absetzung durch das Fifa-Council nicht beeinflussen lassen. Zumal sich Gianni Infantino mit einer solchen Aktion selbst das politische Grab schaufeln würde. «Dieses Szenario ist ausgeschlossen», sagt dann einer aus dem innersten Machtzirkel der Fifa.

Zuletzt wurde der Ethikkommission vorgeworfen, in den eigenen Reihen einen Spitzel zu haben, der Präsident Infantino mit allen Details über die Anzeigen und Untersuchungen füttere. Was dieser wiederum dazu benutze, Whistleblower eiskalt abzuservieren. Orchestriert wurden diese Vorwürfe – wenn wundert es – von Vertrauten Scalas. Für einen Kenner der Ethikkommission ist solches undenkbar. Er verweist darauf, dass die Untersuchungskammer Meldungen von Whistleblowern absolut vertraulich behandle, aber stets die übliche juristische Güterabwägung zwischen Schutzwürdigkeit der Quelle und rechtlichem Gehör für den Angeklagten vornehme. Bei Domenico Scala beispielsweise war aufgrund seiner Funktion in der Fifa keine Schutzwürdigkeit gegeben, bei einem einfachen Mitarbeiter hingegen schon.

Domenico Scala sieht sich nun also dem Vorwurf ausgesetzt, primär aus Eigeninteresse und als Ablenkungsmanöver derart energisch auf Infantino geschossen zu haben. Selbst sein überraschender Abgang in Mexiko soll gar nicht so spontan, sondern eine perfekte Show gewesen sein, die ihn noch ein letztes Mal als den grossen Beschützer von Moral und Ethik bei der Fifa dastehen liess.

Der ehemalige Chef des Zahnimplantate-Herstellers Nobel Biocare galt lange als enger Vertrauter von Sepp Blatter. Offensichtlich ging Scala davon aus, dass er auch nach dem Präsidentenwechsel Hand in Hand mit Infantino die Geschicke der Fifa leiten werde. Doch Infantino verweigerte ihm im Gegensatz zu Blatter den Zutritt in seinen Machtzirkel. Daraufhin entbrannte ein spektakulärer Kampf zweier Alphatiere.

Schwer angeschlagener Ruf
Ein Kampf, der nur Verlierer kennt. Denn eines bewirkten Scalas ausgezeichnet dokumentierten Angriffe auf die moralische Integrität des Präsidenten: Gianni Infantinos Ruf in der Öffentlichkeit ist schwer angeschlagen. Er wird als geldgieriger, massloser Präsident wahrgenommen. Ihm nahestehende Personen zeichnen indes ein deutlich anderes Bild des Wallisers. Dass Domenico Scala durch Indiskretionen versucht, Infantino zu destabilisieren, dementiert Scalas Sprecher: «Das sind faktenfreie Unterstellungen.»

Klar ist: Für Infantino wird es eine schier unlösbare Aufgabe sein, das Vertrauen der Öffentlichkeit wieder aufzubauen.

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