Wer in der Schweiz als anerkannter Flüchtling oder als vorläufig Aufgenommener gilt, darf arbeiten. So lautet das Gesetz. Tatsache ist aber, dass viele arbeitslos bleiben und Sozialhilfe beziehen müssen. Vergangene Woche warnte deshalb Rudolf Strahm, Ex-Preisüberwacher und SP-Mann im «Blick», dass Flüchtlinge in der Sozialhilfe eine tickende Zeitbombe seien. Er fordert: Arbeit statt Sozialhilfe. Erreichen will er dies mit staatlichen Arbeitsprogrammen. Die Leute sollen im Wald putzen, Quartiere säubern, in Werkhöfen oder beim Recycling mitarbeiten.

Nicht viel von diesem Vorschlag hält Christoph Niederberger, Generalsekretär der Konferenz aller kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren. «Menschen eine Beschäftigung zu geben, einfach nur damit sie irgendwie beschäftigt sind, ist eine naive Vorstellung von Integration. Die Menschen in den Billigstlohnsektor zu drücken ist höchst problematisch.»

Mit der Lageanalyse von Strahm, dass man die Leute nicht herumsitzen lassen dürfe, geht Niedermann aber einig. Die Zeichen stünden derzeit nicht so, dass die Flüchtlingszahlen abnehmen würden. «Der Arbeitsmarkt kann nicht eine so grosse Menge an Menschen einspeisen. Das funktioniert mit dem heutigen System nicht. Unsere Strukturen sind nicht auf 40 000 Asylsuchende pro Jahr ausgerichtet.» Jetzt müsse schnell gehandelt werden.

Der Staat hat laut Niederberger noch nicht auf die neue Situation reagiert. «Es braucht einen Schulterschluss in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung und Sozialhilfe, also in den Bereichen, die mit der Arbeitsintegration von Flüchtlingen zu tun haben.» Statt Beschäftigungsprogramme à la Strahm müssten die Fähigkeiten der Flüchtlinge berücksichtigt werden. «Bei einer irakischen Architektin sind andere Massnahmen angebracht als bei einem Afghanen, der noch keinen Tag in seinem Leben in der Schule sass», sagt Niederberger.

Eine Erhebung des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt, dass mindestens 70 Prozent der vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter genug Potenzial hätten, um arbeiten zu können. Tatsächlich sind es derzeit aber gerade einmal 30 Prozent der vorläufig Aufgenommenen und 20 Prozent der anerkannten Flüchtlinge, die einen Job haben. Augenscheinlich ist, dass die Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt je nach Kanton besser oder schlechter funktioniert. So liegt die Erwerbsquote von vorläufig Aufgenommenen im Kanton Obwalden Ende Januar 2016 bei 55 Prozent, während jene im Kanton Jura gerade einmal bei 17 Prozent liegt. Dies, obwohl beide Kantone eher klein sind und darum nur wenig Flüchtlinge bei sich aufnehmen müssen. Woran liegt das?

Michael Morlok, Ökonom beim Volkswirtschaftlichen Beratungsunternehmen B,S,S. in Basel, hat diverse Studien zu dem Thema verfasst. Er beobachtet einen Röstigraben. «In den Kantonen Waadt, Genf und Neuenburg haben viele Flüchtlinge keinen Job. In der Nordwestschweiz und Zentralschweiz ist die Situation besser. Am ehesten finden Flüchtlinge in der Ostschweiz eine Arbeitsstelle.» Laut Morlok gibt es dafür mehrere Gründe. Wo die Arbeitslosigkeit gross ist – in den Kantonen Waadt Genf und Neuenburg liegt sie über dem nationalen Durchschnitt –, ist auch die Jobsuche für Flüchtlinge schwieriger. Zudem haben Kantone wie Obwalden, Glarus oder Graubünden einen Standortvorteil. Sie sind Industrie- und Tourismuskantone mit entsprechenden Arbeitsplätzen, die nur geringe Fachkenntnisse erfordern.

Auch die Bewilligungspraxis der Kantone ist unterschiedlich. Der Bund schreibt zwar vor, dass Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene eine Arbeitsbewilligung brauchen. Doch bei der Umsetzung dieser Regel gibt es für die Kantone einen gewissen Spielraum. Vorbildlich ist hier Graubünden. Der Kanton gilt als Musterbeispiel, was die Arbeitsintegration von Flüchtlingen anbelangt. Patricia Ganter, kantonale Integrationsdelegierte, sagt: «Wir nehmen den Arbeitgebern die Hürde von den mühsamen Arbeitsbewilligungen ab. Das macht es für sie attraktiver, mit uns zusammenzuarbeiten.»

Jeder Flüchtling erhält in Graubünden ein Eins-zu-eins-Coaching. Sobald ein Asylsuchender eine Aufenthaltsbewilligung hat, wird er zu einem persönlichen Gespräch bei der «Fachstelle Integration» gebeten. Es wird geklärt, was er will, was er kann und was möglich ist. Ende Januar lag die Erwerbsquote von vorläufig Aufgenommenen in Graubünden bei 44 Prozent.

Pro vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtling bezahlt der Bund dem Kanton eine Integrationspauschale von 6000 Franken. Viele Kantone stützen sich zur Finanzierung der Integrationsmassnahmen allein auf diese Bundesbeiträge. Andere Kantone, wie beispielsweise Graubünden, steuern zusätzlich eigene Mittel bei – ein weiterer Grund, warum die Erwerbsquoten der Flüchtlinge je nach Kanton so unterschiedlich sind.

«Die vom Bund finanzierten kantonalen Integrationsprogramme gibt es noch nicht so lange», sagt Peter Gomm, Präsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren. Überhaupt sei der Paradigmawechsel in der Politik, Flüchtlinge nachhaltig und frühzeitig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, noch sehr jung. «Er ist aber richtig, weil so nachhaltig Kosten in der Sozialhilfe vermieden werden können.»

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