Das Kondom ist geplatzt, die Antibabypille ging vergessen, oder es kam sonst irgendwie zu ungeschütztem Sex. Einem Drittel der Frauen widerfährt jährlich eine Verhütungspanne. Mit der Pille danach verhindern aber nur rund 15 Prozent der 14- bis 45-Jährigen eine Schwangerschaft. Das zeigen neue Analysen von HRA Pharma, dem Markt-Leader von hormoneller Notfallverhütung. Myriam Cheli, Schweiz-Chefin des französischen Konzerns, ist alarmiert: «Die Mehrheit der Frauen verzichtet auf eine Notfallkontrazeption und hofft stattdessen, dass nichts passieren wird.» Ein riskantes Unterfangen. Und bei manchen Frauen zerschlägt sich die Hoffnung sobald die Menstruation ausbleibt. Zu 10 000 Abtreibungen kommt es jedes Jahr in der Schweiz.

Cheli ist überzeugt: Wäre die Abgabe der Pille danach mit weniger Hürden verbunden, gäbe es weniger Abtreibungen. Sie schätzt die Reduktion auf bis zu 50 Prozent, je nachdem, wie schnell die Frauen das Medikament nach der Verhütungspanne nehmen. Denn bei der Pille danach ist die Zeit entscheidend. Die Wahrscheinlichkeit, den Eisprung verschieben, das Zusammentreffen von Sperma und Ei verhindern zu können, ist wenige Stunden nach dem ungeschützten Sex am grössten. Hat jedoch der Eisprung bereits stattgefunden, ist die Pille danach wirkungslos.

Frauen in der Schweiz sind bei der Einnahme der Pille danach zurückhaltend. Cheli sieht dafür verschiedene Gründe. Zum einen halte sich der Mythos hartnäckig, dass es sich bei der Pille danach um eine Abtreibung handle, zum andern würden viele Frauen wegen des obligatorischen Beratungsgesprächs mit dem Apotheker über Sex, Panne und Zyklus zögern. Ein weiteres Problem sei der hohe Preis.

Zwar empfiehlt HRA, Ellaone und Norlevo, für Fr. 41.60 und Fr. 31.30 zu verkaufen, doch die Apotheker können den Preis frei festlegen. Auch können sie zusätzliche Gebühren verlangen. «Mit Beratungsgebühren sowie Notfall- oder Nachtzuschlägen kommt die Pille danach die Frauen auf bis 80 Franken zu stehen», sagt Cheli. Das sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern deutlich mehr. Auch könnten beispielsweise in den Niederlanden Frauen das Produkt ohne das in der Schweiz obligatorische Beratungsgespräch anhand eines detaillierten Fragebogens kaufen.

Intensiv mit dem Thema Pille danach befasst hat sich die Apothekerin Esther Spinatsch an der Universität Basel, Mitglied der interdisziplinären Expertengruppe für Notfallkontrazeption (IENK). Spinatsch sagt: «Würden die Kosten der Pille danach und anderer Verhütungsmittel von den Krankenkassen übernommen, gäbe es wahrscheinlich weniger Abtreibungen.» Sie sieht aber nicht nur die Apotheken in der Pflicht, sondern auch die Pharma-Firmen. «Wir haben die Konzerne gebeten, den Preis für Notfallverhütungen zu senken. Vergeblich.»

Dies bedauert auch Christine Sieber von der Stiftung Sexuelle Gesundheit Schweiz. «Wir sind interessiert, dass die Preise möglichst tief sind und somit auch Frauen mit weniger Geld die Pille danach zahlen können.» Wie die «Schweiz am Sonntag» erfahren hat, laufen derzeit Bemühungen in Richtung tiefere und einheitliche Preise in den Apotheken. Keinen Kompromiss möchten der Apothekerverband und Sexuelle Gesundheit Schweiz aber beim obligatorischen Beratungsgespräch machen. «Dieses ist wichtig», sagt auch Esther Spinatsch. Es sei keine Schikane, sondern diene zur Klärung gesundheitlicher Fragen.

In Internetforen berichten Frauen allerdings von Horrorerfahrungen: Apotheker, die nach Sexstellungen fragten oder Moralpredigten hielten. «Nach meinem Kenntnisstand sind solche schlechten Erfahrungen sehr selten. Sollte dies tatsächlich vorkommen, ist es nicht akzeptabel», sagt Spinatsch. Zusammen mit der Expertengruppe IENK hat sie deshalb eine Online-Schulung für Apotheker erarbeitet. Bereits über 3500 Pharmazeuten haben sie absolviert. «Das Gespräch muss in einem separaten Raum stattfinden, vorurteilsfrei und professionell ablaufen.» Als Hilfsmittel diene das Beratungsprotokoll. Meist dauert es rund zehn Minuten. Da die Apotheken, anders als Familienberatungsstellen, nicht subventioniert sind, verlangen sie eine Pauschale dafür.

Jährlich gehen in der Schweiz rund 100 000 Packungen von hormoneller Notfallverhütung über den Ladentisch. Die Zahlen sind seit Jahren unverändert. Am stärksten ist die Nachfrage jeweils am Montag und bei den Frauen zwischen 20 und 34 Jahren. «Notfallverhütung wird nur zu einem geringen Teil von unvernünftigen Teenagern gebraucht. Ein Unfall kann immer passieren, auch erfahrenen und vernünftigen Frauen», sagt Myriam Cheli.

Empfängnisverhütung im Nachhinein
Die Pille danach gibt es entweder beim Arzt, bei Familienberatungsstellen oder in Apotheken. Da Beratungsstellen das obligatorische Abgabegespräch nicht verrechnen, sind die Produkte dort häufig günstiger. Doch über 80 Prozent der Frauen beziehen das Produkt in der Apotheke, da es so rasch als möglich genommen werden muss. Zur Auswahl stehen drei Medikamente (alle rezeptfrei): Norlevo (HRA) und das Generikum Levonorgestrel (Sandoz). Sie sind bis drei Tage nach dem Sex zugelassen. Ellaone (HRA), kann bis fünf Tage danach genommen werden. Risiken und Nebenwirkungen aller Produkte: Kopf-, Bauchschmerzen oder Übelkeit. Mythos ist jedoch, dass die Pille danach eine Abtreibung ist. Sie verschiebt lediglich den Eisprung und verhindert so, dass Sperma und Ei aufeinandertreffen.