Beinahe 300 Seiten lang ist das Dokument «Amoris Laetitia» von Papst Franziskus. Zweieinhalb Jahre nach der Ankündigung einer Bischofssynode zum Thema Familie liegt es seit ein paar Tagen vor. Zwar hatte Franziskus empfohlen, das Lehrschreiben nicht hastig zu lesen, doch die Meinungen waren schnell gemacht: Es ändere sich wenig und auch der argentinische Papst halte an Dogmen fest.

Die brisanteste Stelle versteckt sich jedoch ganz hinten im Dokument in den Fussnoten. Insbesondere der erste Satz unter der Nummer 351 ist bedeutend. Er ist Türöffner für wieder verheiratete Geschiedene zu den Sakramenten: «In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb erinnere ich die Priester daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn. Gleichermassen betone ich, dass die Eucharistie nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen ist.»

Nun ist es heraus. Die Geschiedenen, die in einer neuen Verbindung leben, sind Teil der Kirche. Das Kommunionsverbot für wieder verheiratete Geschiedene gilt «nicht mehr absolut». Das kommt einer Revolution gleich. Insbesondere weil Papst Franziskus auf dem Rückflug von der Flüchtlings-Insel Lesbos noch nachdoppelte. Auf die Frage einer Journalistin des «Wall Street Journal», ob wieder verheiratete Geschiedene nun tatsächlich zur Kommunion gehen dürfen, sagte er: «Ja. Punkt.»

Ein Lob auf Liebe und Vielfalt
Der Papst widerspricht damit jenen, die bisher behaupteten, es bleibe auch nach dem Schreiben alles beim Alten. «Franziskus hat sich mit dem Schreiben als reformwilliger Papst geoutet», sagt Eva-Maria Faber. Sie ist Professorin für Dogmatik an der Theologischen Hochschule in Chur. Darauf hätten viele Gläubige gewartet und nun stehe es schwarz auf weiss. Faber geht davon aus, dass dies erst der erste Anstoss zu einer weiteren Öffnung ist. «Zwar hat er sanfte Worte gewählt, doch die Aussagen sind bedeutend, auch in den Fussnoten.» Diese seien ein fester Bestandteil des Schreibens.

Übersetzt heisst das Schreiben «Amoris Laetitia»: Die Freude der Liebe. Ein treffender Titel. Denn so lebensnah, wertschätzend und einfühlsam hat sich das kirchliche Lehramt noch nie geäussert. Im Mittelpunkt steht ein unverkrampft lebensbejahendes Lob auf die erotische Liebe in der Ehe. Mehrfach betont der Papst, dass die Kirche nicht im Besitz der «ganzen Wahrheit» sei und die Lehre «verschiedene Interpretationen» zulasse. Sodass in jedem Land bessere Lösungen je nach Tradition und Lage gefunden werden können.

Theologin Faber ist überzeugt: «Das Schreiben hat Sprengkraft.» Sie fordert daher die Schweizer Bischöfe auf, sich den Neuerungen zu stellen und aufzuzeigen, wie sie diese umsetzen werden. Im Juni wollen die Mitglieder der Bischofskonferenz (SBK) zusammensitzen und über das weitere Vorgehen beraten. «Das päpstliche Schreiben ist eine Aufforderung, über die Bücher zu gehen. Das werden wir tun», sagt SBK-Sprecher Walter Müller.

Konservative wenig begeistert
Allerdings sind nicht alle Bischöfe gleichermassen begeistert. Insbesondere dem Churer Bischof Vitus Huonder gefällt der aktuelle Ton aus Rom nicht. So schreibt sein Generalvikar: «Die Scheidung in eine theoretische Lehre und in eine pastorale Praxis, die im Einzelfall darüber hinweggehen darf, würde der Glaubwürdigkeit der Kirche schaden.» Mit Vehemenz wehrt sich der konservative Oberhirte gegen jegliche Öffnung. Erst vergangenes Jahr hatte er mit homophoben Aussagen empört. Und als in Bürglen UR der Gemeindepfarrer einem lesbischen Paar den Segen gab, polterte er: Ein Priester dürfe sich nicht nach den Wünschen der Menschen richten.

Ganz anders Papst Franziskus. Er verurteilt Homosexuelle ausdrücklich nicht und ist gegen eine Einmischung in das persönliche Leben. An dieser Haltung bleibt er auch in seinem Schreiben treu. Es sei «nicht mehr möglich», all jene, die in den von der Kirche als «irregulär» bezeichneten Situationen leben, als solche anzusehen, die im Zustand schwerer Sünde leben.

Liberalen Kreisen verleiht das Schreiben einen Schub. «Der Text sagt deutlich, dass es nicht allein darum geht, was erlaubt ist und was nicht», sagt der Basler Bischof Felix Gmür. Und Urban Federer, Abt von Einsiedeln SZ, schreibt: «Franziskus sieht nicht nur das Ideal, sondern auch den Alltag und die Sorgen von Familien und Menschen in Partnerschaften.» Die Präsidentin des katholischen Frauenbundes, Rosmarie Koller-Schmid, ist überzeugt, «wenn der Papst mit Fussnoten entgegenkommt, können wir uns gut geerdet begegnen».

Noch sind die Voten schwammig. Bis jetzt hatte kein Bischof den Mut, das, was nun anders ist, beim Namen zu nennen. «Der Mythos von unveränderlicher katholischer Lehre ist sehr mächtig», sagt Theologin Faber. Dabei gebe es unterschiedliche Ebenen lehramtlichen Lehrens und kirchlicher Lehraussagen.

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