Wenn in einer Woche die Vorlesungen beginnen, kann ein Studienanfänger an der Uni links und rechts blicken – statistisch wird einer von den beiden Sitznachbarn oder er selbst aufgeben. Jeder dritte Bachelor-Student wechselt die Fachrichtung oder bricht ab. Manchmal sind es noch mehr.

Die Universitäten seien zunehmend die Leidtragenden eines gymnasialen Defizits, sagt der ehemalige Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor. Diese reagierten mit Assessmentjahren, um ungeeignete Studenten auszusieben. Auch das höhere Tempo mache den Neustudenten zu schaffen. Die Gymnasien hätten damit ihr Monopol auf die Eintrittsberechtigung an eine Hochschule faktisch verloren, sagt er. «Wir sollten die Universitäten selber über die Aufnahme entscheiden lassen.»

Buschor schlägt verschiedene Selektionen vor, darunter Prüfungen, Aufnahmegespräche oder die Maturanoten. Auch eine Kombination wäre denkbar: Wer einen Notenschnitt von 5 hat, wird zugelassen, wer darunter liegt, muss eine Prüfung ablegen.

Buschors Idee stösst auf Interesse. Ralph Eichler, Präsident der ETH Zürich, sieht die meisten Maturanden auf einem guten Niveau, auch wenn er sich schon länger eine Mindestnote in der Mathematik und der Erstsprache wünscht. «Sollte die Maturaquote aber weiter steigen, wird eine Aufnahmeprüfung zur Universität nötig», sagt er. Ansonsten würde das Niveau der Studierenden sinken. Zurzeit liegt diese Quote bei 20 Prozent, vor 20 Jahren lag sie noch bei 13.

Die Aufnahmeprüfung ist nicht die einzige Neuerung, die Buschor vorschwebt. In einem Beitrag, der diese Woche in der Zeitschrift «Schweizer Monat» erschienen ist, fordert er die Schaffung dualer Universitäten. Es ist ein Modell, das in Deutschland seit einigen Jahren erfolgreich verfolgt wird.

Das Bachelor-Studium würde je zur Hälfte aus der Arbeit in einem Unternehmen und aus den Vorlesungen bestehen. Dabei grenzen sich duale Universitäten von Fachhochschulen ab: Sie verzichten auf allgemeinbildende Fächer, und eine Matura ist wie bei den Universitäten nach wie vor erforderlich. Den Absolventen sollte danach der Master-Abschluss an allen Hochschulen offenstehen.

Verwunderlich ist Buschors Engagement nicht: Unter seiner Führung stimmten die Zürcher zwischen 1995 und 2003 über 20 Bildungsvorlagen ab – 19 wurden angenommen, was Buschor den Titel «Reformturbo» einbrachte. Heute ist er Co-Präsident des «Forum Bildung».

Buschors Vorschlag ist auch eine Reaktion auf die neu entflammte Debatte um die Berufslehre. Duale Universitäten könnten den «unfruchtbaren Streit» zwischen Maturität und Berufsbildung abbauen, ist Buschor überzeugt. Denn sie führten dazu, dass auf der immer beliebter werdenden akademischen Ausbildung das duale System zum Zug kommt.

Ausserdem würde es dualen Universitäten besser gelingen, Frauen für technische Berufe wie Informatik oder Maschinenbau zu begeistern, sagt Buschor. Heute gibt es an den Gymnasien mehr Schülerinnen als Schüler. «Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass Mädchen Hemmungen haben, anspruchsvolle Lehrberufe zu wählen», sagt er. Später, während der Studienzeit, würden sich Frauen diesen Schritt eher zutrauen. Dies belegten auch Zahlen aus Deutschland.

Die Schweizer Universitätsrektoren haben in ihrer Konferenz (CRUS) die dualen Universitäten noch nicht besprochen. Das Modell sei interessant, sagt Antonio Loprieno, Präsident der CRUS, weil es in Deutschland äusserst erfolgreich laufe. Für die Schweiz seien duale Universitäten aber nicht zwingend nötig. Schliesslich erfüllten die Fachhochschulen die Funktion der Schnittstelle zwischen Arbeitsmarkt und Studium.

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