Ein Sturm der Gewalt ist am Freitagabend über den sogenannten «Chreis Cheib» in Zürich hinweggefegt. Sieben verletzte Polizisten, Dutzende zerschlagene Fensterscheiben und beschmierte Gebäude, lautet die Bilanz einer regelrechten Krawallnacht. Unter dem Motto «Reclaim the Streets» (RTS) sind rund 200 Personen aus dem linksautonomen Umfeld grösstenteils vermummt randalierend durch die Strassen gezogen, wie die Polizei mitteilt.

Ziele der Demonstranten waren vor allem die Europaallee und das anliegende Areal Güterbahnhof, wo das Polizei- und Justizzentrum (PJZ) entstehen soll. In einem Flugblatt heisst es, man wolle ein Zeichen gegen «die fortschreitende Stadtaufwertung» setzen. Die Europaallee ist ein neues Stadtquartier beim Hauptbahnhof mit Luxuswohnungen, teuren Läden und der Pädagogischen Hochschule. Sie ist zum Symbol der Gentrifizierung, der Verdrängung ärmerer Gesellschaftsschichten, geworden. Das Verlangen nach Freiräumen und bezahlbarem Wohnraum in Zürich ist gross. Tausende sind bereit, dafür auf die Strassen zu gehen, wie in der Vergangenheit verschiedene – friedliche – Demonstrationen gezeigt haben.

Die Aggression der Demonstranten richtete sich am Freitag neben der Stadtaufwertung auch gegen die Polizei, wie Parolen an den Wänden sowie Angriffe auf eine Polizeiwache und einzelne Polizisten zeigen. «Es hat sich in den letzten Jahren eine enorme Wut aufgestaut», sagt ein Demonstrant gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Kreative Freiräume seien verdrängt und Demonstrationen mit einem «übermässig grossen Polizeiaufgebot abgewürgt» worden. Im Flugblatt heisst es: «Wir lassen uns nicht verdrängen. Wir nehmen uns, was uns gehört.» Es sei eine Frage der Zeit gewesen, bis sich diese Wut entlade, sagt ein anderer Demonstrant.

Für Insider war schon Tage zuvor klar, dass es zu einer RTS-Demonstration kommen wird. In Zürich wurden zahlreiche Aufkleber mit dem Schriftzug «RTS» verteilt. Zudem erhielten breite Kreise am Freitagnachmittag ein SMS, das zu einer «megageilen äRTeäS» aufrief. Man solle sich pünktlich um 22 Uhr einfinden, es gebe «drinks, sound, gold & ä überraschig». Überrascht wurde jedoch vor allem die Polizei, obwohl die äusserst gewalttätigen RTS-Demonstrationen kein neues Phänomen sind.

2003 gab es in Zürich und anderen Schweizer Städten RTS-Demonstrationen. Und auch 2010 zogen Hunderte randalierend durch Zürichs Strassen. Sachschaden: eine halbe Million Franken. Weil die Polizei 2003 zu spät ausgerückt war, richtete sie danach ein neues Alarmsystem ein. Damit können die Polizisten im Notfall per SMS aufgeboten werden. Es kam am Freitag erstmals in diesem Ausmass zum Einsatz. Die Einsatzkräfte seien «sehr schnell» vor Ort gewesen und hätten den «Saubannerzug» in 45 Minuten stoppen können, bilanziert Polizeisprecher Marco Cortesi.

Einen solchen Vorfall ganz zu verhindern, sei äusserst schwierig. «Wir können von Gesetzes wegen bloss öffentlich zugängliche Foren beobachten», sagt Cortesi. Dass die Demonstranten dadurch mit privaten SMS unter dem Radar der Polizei kommunizieren können, sei keine neue Erkenntnis. «Da wäre die Politik gefordert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen anzupassen», sagt Cortesi.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper