Am Tag nach dem schweren Erdbeben in Italien sprach im Radio ein alter Mann aus der zerstörten Ortschaft Amatrice. Alle seine Freunde und Bekannten seien tot, klagte der Mann, und beinahe atemlos wiederholte er seinen Satz, als handelte es sich um eine Litanei: «Tutti, tutti, tutti morti, tutti morti, tutti morti ...». Die Wiederholung liess die Worte des Überlebenden wie ein Echo aus der Schattenwelt klingen. Seine Rede ging unter die Haut. Eigenartigerweise löste die Litanei des alten Mannes bei mir als Zuhörer jedoch eine ganz andere Art von Trauer aus als etwa die Nachrichten von den Terroranschlägen in Paris, Brüssel oder Nizza. Diesmal war es eine unvermischte Trauer, eine Trauer, die nicht mit Wut, Hass und Angst vermengt war.

Die Erdbebenkatastrophe in Italien trifft einen direkt ins Herz. Für die Betroffenen ist sie wohl genauso schlimm wie ein Terroranschlag, aber für uns, die wir davon lesen und hören, löst sie andere, besser erträgliche Gefühle aus. Es sind Gefühle, die wir aus vergessen geglaubten Zeiten kennen, aus Zeiten, in denen ein schlimmes Ereignis nur als das wahrgenommen wurde, was es war, und nicht als Ausgangspunkt politischer Debatten, gesellschaftlicher Veränderungen oder gar Kriegen.

Das hat möglicherweise auch mit der Berichterstattung zu tun, die derjenigen gleicht, die wir von früheren Katastrophen kannten. Es ist eine Berichterstattung, in der es primär um das Ereignis und seine Folgen geht und nicht noch darum, wer den Schrecken verursacht hat. Das hat wiederum zur Folge, dass sich die Nachrichten nicht im Sekundentakt überstürzen, dass weniger getwittert und weniger kommentiert wird. Die Berichterstattung erscheint ruhiger, weniger reisserisch und weniger sprunghaft.

Ähnlich wie bei den Katastrophenmeldungen aus der vordigitalen Zeit wird bei diesem Erdbeben die anfängliche Fassungslosigkeit schnell von der nüchternen Frage verdrängt, wie zu helfen ist. Die Medien berichten von den Einsätzen der Rettungsequipen mit ihren Suchhunden. Die Menschen im Katastrophengebiet beginnen sich schnell zu solidarisieren. Sie helfen einander, wo sie können, bis Hilfe von aussen eintrifft.

Selbstverständlich gibt es diese gegenseitige, spontane Nachbarschaftshilfe auch im Fall von Terroranschlägen. Aber für uns, die wir aus zweiter Hand davon hören, steht bei Anschlägen vor dem Licht der Hoffnung immer der Schatten der verwerflichen Tat. Der Fokus richtet sich auf die Täter und weniger auf die Opfer.

Für die direkt Betroffenen macht es wohl kaum einen Unterschied, wer oder was den Schrecken bringt.

Der Tod kennt keine Abstufungen. Doch für alle andern ist es ganz offensichtlich nicht egal, ob eine Bombe den Tod bringt oder ein Erdbeben. Der alte Mann aus Amatrice, der «tutti, tutti, tutti morti, tutti morti, tutti morti...» ins Mikrofon sagt, hat keinen Hass in seiner Stimme, nur eine unendliche, tiefe Trauer, die nach Trost und Nähe ruft.

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