In der türkischen Geschichte kam es dreimal zu erfolgreichen Militärputschen, der letzte geschah 1980. Damals gab es noch kein Internet und keine Smartphones – es genügte die Kontrolle über die staatlichen Radio- und TV-Sender und die Schliessung von Zeitungen, um dem Volk klarzumachen, wer die neuen Machthaber sind. Putsche sind Blitzkriege der Information: Wer es schafft, die Informationshoheit zu erobern, hat gewonnen. Denn ein Putsch ist letztlich dann gelungen, wenn die Bürger glauben, dass er gelungen ist.

Genau das war das Problem der Putschisten von Freitagnacht. Um 22.45 Uhr schalteten sie das Staatsfernsehen ab. Später verlas eine Sprecherin eine Stellungnahme der Putschisten, wonach ein «Rat für den Frieden» die Macht übernommen habe. Doch auf unzähligen anderen Kanälen, insbesondere den sozialen Medien, wurde weiter berichtet. Die Türken und die ganze Welt konnten live verfolgen, wie verworren und widersprüchlich die Nachrichtenlage war und wie sie sich minütlich veränderte.

Erdogan schreibt Mediengeschichte
Schon kurz nach der Besetzung des Staatsfernsehens begann nicht Twitter-Hasser Erdogan, sondern sein Ministerpräsident Binali Yildirims zu twittern: Es sei bloss eine Minderheit der Armee aufständisch, diese sei gegen die Demokratie und es werde «Konsequenzen» für sie haben. Erdogan selbst schaltete sich ebenfalls über ein neues Medium ein. Sein Interview dürfte Mediengeschichte schreiben. Denn Erdogan meldete sich über die Video-Funktion «Facetime» auf dem iPhone beim türkischen Ableger des US-Fernsehsenders CNN. So sah man am Fernsehen eine TV-Journalistin, die mit ihrem Smartphone mit Erdogan ein Video-Interview führte. Darin rief der türkische Staatspräsident das Volk dazu auf, sich auf öffentlichen Plätzen und an Flughäfen zu versammeln. «Ich habe nie geglaubt, dass es eine höhere Macht gibt als das Volk», sagte er. Die Putschisten, ergänzte er, würden keinen Erfolg haben.

Erdogans Aussagen verbreiteten sich rasend schnell. Nun war klar: Die Putschisten haben den viralen Blitzsieg verpasst. Das Volk begann, an ihrem Coup zu zweifeln, umso mehr, als Journalisten dessen Hintergründe aufzeigten. Das Volk ging dann tatsächlich auf die Strasse. Nicht aus Solidarität mit Erdogan, sondern um ein noch grösseres Übel abzuwenden.

Bilder dieser Volksaufläufe liefen ebenfalls in Echtzeit über die sozialen Medien. So postete der türkische Politiker und ehemalige UBS-Banker Mehmet Simsek solche Fotos auf Twitter und kommentierte: «Die Demokratie wird siegen.» Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die von Erdogan verhassten sozialen Medien und der von ihm verdammte unabhängige Journalismus trugen dazu bei, dass der Putschversuch fehlschlug. Und er selbst an der Macht bleibt.

Erfolgreicher Putsch in Ägypten
Wäre es ohne die digitalen Medien anders gekommen? Das lässt sich seriöserweise nicht beantworten. Der letzte erfolgreiche Putsch in einem grossen Land geschah 2013 in Ägypten, wo die Militärs den demokratisch gewählten islamistischen Präsidenten Mursi absetzten. Auch hier spielten die sozialen Medien eine wichtige Rolle – aber zugunsten der Putschisten: Dieser Coup schien von einer Mehrheit des ägyptischen Volkes gewollt, jedenfalls kursierten sofort Bilder von jubelnden Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, Videos von Autocorsos und Volksfesten.

Möglicherweise tragen die digitalen Medien dazu bei, dass ein Putsch gegen den Willen des Volkes nur mehr schwer durchgesetzt werden kann.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper