Den Universitäts-Rektoren flatterte kürzlich ein brisanter Brief auf den Schreibtisch. Absender: das Bundeshaus. Im Schreiben, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, kritisiert die parlamentarische Finanzdelegation die vielen Nebentätigkeiten der Hochschulprofessoren und deren zunehmende Nähe zu Firmen und Sponsoren. Das Aufsichtsgremium sieht deswegen «grossen Handlungsbedarf», wie es im Brief heisst. Schliesslich würden die Löhne der Professoren grösstenteils durch die öffentliche Hand bezahlt. «Umso mehr ist die fehlende Transparenz und Kontrolle zu bemängeln», schreibt die Finanzdelegation.

Das Gremium weist auf mehrere Gefahren hin: So könnte die Unabhängigkeit der Professoren unter den Nebenjobs leiden. Dasselbe gelte für den Ruf der Hochschule. Zudem hätten die Wissenschafter weniger Zeit für Forschung und Lehre.

Die eidgenössische Finanzkommission schätzt, dass 2500 Professoren solche Nebentätigkeiten ausüben können: An der ETH Zürich waren es in den vergangenen Jahren jeweils 50 der knapp 450 Professoren, an der Universität Zürich jeder Dritte und in St. Gallen über die Hälfte. Die Nebenjobs in Bankräten, Unternehmensvorständen oder als Berater sind lukrativ. Ein Sitz im Verwaltungsrat einer börsenkotierten Firma wirft schnell ein fünf- oder sechsstelliges Honorar ab – obwohl die Professoren von den Hochschulen zu einem Vollzeitpensum angestellt sind, was einen durchschnittlichen Jahreslohn von 200 000 Franken mit sich bringt. In der Spitze übertrifft der Nebenjob die Hochschulanstellung. Johannes Rüegg-Stürm, Professor an der Universität St. Gallen, präsidiert den Verwaltungsrat der Raiffeisenbank. Sein Lohn beträgt gemäss aktuellem Geschäftsbericht 473 200 Franken.

Bisher handhabten die Hochschulen das Problem unterschiedlich. Viele führen Listen, die aber nicht öffentlich zugänglich sind. Die Universität Bern hat im vergangenen Herbst als eine der ersten Schweizer Hochschulen eine solche Liste mit den Nebenbeschäftigungen ihrer Professoren publiziert. Das Verzeichnis deutet das Ausmass an: Insgesamt haben die ordentlichen und ausserordentlichen Professoren 509 Nebenbeschäftigungen deklariert.

Berücksichtigt man nur Stiftungs- und Verwaltungsratsaufgaben, halten 70 Personen 134 Mandate. Einige Forscher sind echte Nebenjob-Jäger. Rektor Martin Täuber und Verwaltungsdirektor Daniel Odermatt halten je 11.

Dass selbst Hochschulleiter mehrere Mandate vereinen, ist keine Seltenheit. Auch Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, ist Mitglied im Verwaltungsrat der Lonza Group, von Nestlé Health Science und von Amazentis, einem von ihm gegründeten Start-up-Unternehmen in der Biotechnologie.

Die Frage, wie wirtschaftsnahe die Hochschulen sein sollen, hat sich in den vergangenen Jahren zum Glaubenskrieg entwickelt. Mega-Spenden wie die der UBS an die Uni Zürich (100 Millionen) oder jene von Milliardär Hansjörg Wyss an die ETH und die Universität Zürich (120 Millionen) haben die Diskussion um die Forschungsfreiheit zusätzlich befeuert. Wissenschafter wehren sich im Zürcher Appell gegen den wachsenden Einfluss privater Geldgeber auf die Forschung. Mehrere Motionen fordern die Offenlegung der Verflechtungen. Der Bundesrat spricht sich für eine verbindliche Überprüfung von Nebenämtern aus, die auf eine Motion von Maya Graf (Grüne/BL) zurückgeht.

Die Finanzdelegation erhöht nun den Druck. Das Gremium beklagt in seinem Brief an die Rektoren, dass sie viel zu wenig unternommen hätten. Noch immer fehlten einheitliche Regelungen, noch immer fehlten interne und externe Kontrollinstanzen. Deshalb müssten die Hochschulen eine schriftliche Selbstdeklaration von den Professoren verlangen, die öffentlich einsehbar ist.

Bei der blossen Aufforderung soll es nicht bleiben. Wenn nötig, will die Finanzdelegation einen Schritt weitergehen. Sollten die Rektoren nicht reagieren, schlägt das Gremium eine gesetzliche Verankerung in der nächsten Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation des Bundes vor. Diese wäre ab 2017 gültig. Womöglich werden die Bestimmungen aber schon vorher verschärft: Am Donnerstag besprechen die Rektoren an ihrer Plenarsitzung die Forderungen aus dem Bundeshaus – und wie sie darauf reagieren.

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