Die Terrorgefahr in Genf könnte länger anhalten als zunächst angenommen. Der FDP-Regierungsrat und Polizeivorsteher Pierre Maudet stellt sich auf mehrere Wochen ein, sollte die Indizienlage gleich bleiben. Deshalb benötigt die Genfer Polizei Hilfe: «Bis Weihnachten können wir die erhöhte Alarmbereitschaft aufrechterhalten», sagt Maudet. Danach müssten Korps aus anderen Regionen aushelfen. Die Zusagen hat der Genfer Politiker bereits eingeholt. «Wenn nötig, erhalten wir personelle Verstärkung von den anderen Kantonen und vom Bund.»

Seit Mittwoch gilt in Genf die Terrorwarnstufe 3 (auf einer Skala von 1 bis 5). Nach vier Verdächtigen wird gesucht. Deutlich mehr Polizisten als üblich patrouillieren vor neuralgischen Objekten wie dem Flughafen oder den UNO-Gebäuden. Nicht alle sind zu erkennen. «Wir haben vor allem auch die Anzahl der Sicherheitskräfte in Zivil erhöht», sagt Maudet. Dem Kanton Genf stehen 1400 Polizisten zur Verfügung. Wie viele derzeit im Einsatz sind, will Maudet aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben.

Die unmittelbare Herausforderung bestehe darin, das Escalade-Stadtfest, das bis Sonntagabend andauert, abzusichern (siehe Reportage links). «Die Gefahr ist weiterhin konkret, aber nicht akut» sagt Maudet, der Anspannung in der Bevölkerung spürt. «In den letzten Tagen, aber auch nach den Anschlägen in Paris gab es viele Anrufe von besorgten Bürgern.» Sollte die Gefahrenstufe weiter ansteigen, wäre eine Hotline für Terrorfragen laut Maudet eine Option. So könne sich die Bevölkerung informieren und gleichzeitig Hinweise liefern.

wie gefährdet ist Genf? Von «erhöhten Risiken» spricht Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und Autor des Buches «Ändere die Welt!». Die Gefährdung hängt laut Ziegler auch mit den französischen Gebieten rund um Genf zusammen, in denen Frankreichs Behörden Gefahrenzonen identifiziert haben. Das gilt laut Medien insbesondere bei Annemasse, wo viele Muslime wohnen und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Ziegler sagt, Genf allein könne die Sicherheit nicht gewährleisten, weil die Mittel nicht genügten: «Man ist auf ausländische Geheimdienste angewiesen, auch wenn das teilweise problematisch ist.» Die UNO hat in Genf einen eigenen, schwer bewaffneten, hochkompetenten Sicherheitsapparat. Allerdings bestünden Risiken bei der Rekrutierung. Alle UNO-Länder – auch solche mit fragwürdigen Regimes – können Sicherheitskräfte stellen. Es sind die einzelnen Mitgliedsstaaten, die den Sicherheitscheck machen. Auch dubiose Figuren können so unter Umständen ins Korps gelangen.

Ziegler betont, dass die Sicherheitsfrage für Genf eine «Schicksalsfrage» sei: «Dieser UNO-Standort ist nicht in Stein gemeisselt. Genf unterliegt einer harten Konkurrenz durch Städte wie Wien, Bonn oder Montreal.» Dass das UNO-Personal und ausländische Delegierte «in absoluter Sicherheit» arbeiten könnten, sei «eine Grundvoraussetzung dafür, dass Genf nach New York der zweitwichtigste UNO-Standort bleibt.»

Nachholbedarf bezüglich Sicherung wichtiger Gebäude sieht Strategieexperte Albert A. Stahel. «Die Sitze der internationalen Organisationen sind zu wenig gesichert», sagt er. Der Bund solle jetzt genau prüfen, ob bei akuter Terrorgefahr genügend Sicherheitspersonal vorhanden sei und welche Massnahmen zusätzlich nötig wären, um die Gebäude zu schützen. Die aktuelle Situation vergleicht Stahel mit 9/11.
Dass sich die gesuchten Dschihadisten noch in Genf aufhalten, erachtet er als unwahrscheinlich. «Die Schweiz ist zu kleinräumig, um sich längere Zeit zu verstecken.» Er geht davon aus, dass sich die Terror-Verdächtigen in Frankreich bei Bezugspersonen aufhalten.

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