VON SARAH WEBER

«Fick dich», schreit Lukas und beschimpft die Mutter, die in seinem Zimmer steht. Sie will, dass er seinen Computer abschaltet. Wie er es eigentlich auch versprochen hat. Doch die Worte der Mutter nützen einmal mehr nichts mehr, der 16-Jährige rastet aus, droht mit Schlägen und drängt die Mutter mit Gewalt aus seinem Zimmer. Die Mutter fürchtet sich vor dem eigenen Sohn und kann sich nicht durchsetzen.

Lukas ist kein Einzelfall: Die Zahl der Jugendlichen und Kinder, die ihre Eltern terrorisieren, nimmt zu. Das stellen die Mitarbeiter des «Elternnotrufs» fest, eines Beratungstelefons. Der Dienst registrierte 2010 mehr Meldungen zu physischer, psychischer, sexueller Gewalt von Kindern und Jugendlichen gegen ihre Eltern – nämlich 244. Im Vorjahr waren es noch 182 Fälle.

Damit setzt sich der Trend der letzten Jahre weiter fort. Tatsächlich wären es noch mehr: «Die Dunkelziffer der Eltern, die sich aus Scham nicht melden, ist gross», sagt Peter Sumpf, Geschäftsleiter des Elternnotrufs.

Mehr Gewalt von Jugendlichen und Kindern gegen ihre Eltern – das Phänomen kommt in allen Schichten der Bevölkerung vor. Besonders gefährdet sind aber isoliert lebende Familien oder auch alleinerziehende Elternteile. Auffällig ist zudem: Zwei Drittel der «Täter» sind Knaben. «Vor allem bei Jugendlichen, die nicht von zu Hause ausziehen, gibt es diese Probleme», weiss Sumpf. Bei den hilfesuchenden Eltern ist es genau umgekehrt. Fünfmal mehr Mütter als Väter gestehen sich die Überforderung ein und bringen den Mut auf, sich professionelle Hilfe zu holen.

Warum lassen sich Eltern von ihrem Nachwuchs so an die Wand spielen? «Die Erziehung ist anspruchsvoller geworden», meint der Berater Peter Sumpf. Zudem seien viele Eltern verunsichert, weil die Kinder ihnen in gewissen Bereichen überlegen sind. Auch Rollenbilder sind nicht mehr stabil.

Die Berater unterstützen die Eltern mit Tipps. Hauptbotschaft: Sich nicht verstecken, sondern sich Unterstützung holen, um die aufgestellten Regeln auch durchzusetzen. Notfalls mithilfe einer Strafanzeige. «Doch eine Anzeige gegen das eigene Kind zu machen, fällt schwer», sagt Sumpf.

Allerdings würden die Eltern von den Behörden durchaus unterstützt. «Die Polizei rückt immer wieder aus wegen Minderjähriger, die auf ihre Eltern losgehen», sagt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich. Ein- bis zweimal pro Monat gehen bei der Polizei Anrufe von Eltern ein, die wegen Gewalt der Kinder um Rat fragen. Cortesi: «Wir empfehlen den Eltern, Anzeige zu erstatten.»

Ähnlich sieht das Beat Fritsche, leitender Jugendanwalt der Jugendanwaltschaft Winterthur: «Ich ermuntere die Eltern, Strafanzeige zu machen. Das würde viel Druck lösen.» Aber die Hemmungen, das eigene Kind anzuzeigen, seien verständlicherweise sehr hoch, so Fritsche. Deshalb gebe es selten Eltern, die diesen Schritt wagten.

Die Schuld an der Eskalation nur den Eltern zu geben, wäre falsch, meint Yves Hänggi vom Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg. «Auch kompetente Eltern können in einen Teufelkreis geraten, wenn sie sich falsch verhalten und sich dann nicht mehr getrauen, zu intervenieren», erklärt Hänggi. So wird die Macht des Jugendlichen gestärkt und die Eltern können sich noch weniger durchsetzen. Aber: «Aggressionen können auch ein Hinweis sein, dass die Kinder mehr Aufmerksamkeit von den Eltern wollen», so Hänggi.

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