VON PETER BURKHARDT

Es begann mit Rost im Dach und könnte mit einer 20-Millionen-Klage enden: Die Baufirma Implenia, die das Zürcher Stadion Letzigrund als Totalunternehmerin erstellte, sitzt auf Ausständen in zweistelliger Millionenhöhe. Laut dem «Tages-Anzeiger» beziffert ein ehemaliger Kadermann von Implenia die Nachforderung gegenüber der Stadt auf rund 20Millionen.

Der grösste Schweizer Baukonzern will seiner Nachforderung mit einer Klage zum Durchbruch verhelfen. Das bestätigt Implenia-Sprecher Aloys Hirzel gegenüber dem «Sonntag». «Die Klage ist im Detail vorbereitet.» Er begründet die Kostenüberschreitung mit zusätzlichen Leistungen, die im ursprünglichen Baubeschrieb nicht beinhaltet waren.

Parlamentarier sind überrascht und entsetzt über den Streit zwischen der Stadt und Implenia. Denn sie wurden von der zuständigen Stadträtin Kathrin Martelli (FDP), welche dem Hochbaudepartement vorsteht, nicht über die Nachforderung von Implenia eingeweiht. Selbst der Präsident der Rechnungsprüfungskommission, Balthasar Glättli (Grüne), wusste nichts vom möglichen Millionen-Debakel. «Das ist eine unerfreuli-che Überraschung. Bis jetzt habe ich keinen Hinweis gehabt, dass es eine solche Forderung gibt.»

Glättli fordert nun eine schonungslose Aufklärung. «Wie kann es sein, dass man für 20 Millionen Franken mehr baut? Wir werden Auskunft verlangen und einen Fragenkatalog zusammenstellen.» Vor allem müsse abgeklärt werden, ob die Stadt der Implenia wirklich Zusatzaufträge erteilt hat. «Wenn es sie gab, hätte der Stadtrat einen dringenden Zusatzkredit beantragen und umgehend die Rechnungsprüfungskommission informieren müssen.»

Martelli ist allerdings nur noch wenige Wochen im Amt. Heute Sonntag wird ihr Nachfolger gewählt. Glättli ficht das nicht an: «Ich erwarte, dass Frau Martelli für die Beantwortung der Fragen auch dann noch zur Verfügung steht, wenn sie nicht mehr im Amt ist.»

«Die Fakten müssen auf den Tisch», fordert auch die Präsidentin der zuständigen Hochbaukommission, SP-Gemeinderätin Mirella Wepf. «Wir werden das in der nächsten Kommissionssitzung thematisieren.» Diese findet am Dienstag statt. Wepf hat zwei hauptsächliche Fragen an Kathrin Martelli: Seit wann weiss das Hochbaudepartement von der 20-Millionen-Forderung von Implenia? Und warum wurde die Hochbaukommission nicht darüber informiert?

SVP-Fraktionspräsident Mauro Tuena, der sich heute um einen Sitz im Zürcher Stadtrat bewirbt, geht noch einen Schritt weiter. «Wenn nicht rasch eine Einigung gefunden wird, muss die Geschäftsprüfungskommission die gegensätzlichen Behauptungen von Implenia und der Stadt untersuchen.» Tuena ist sauer, dass Martelli das Parlament nicht über den Rechtsstreit informiert hat. «Es ist eine Schweinerei, dass wir das aus der Zeitung erfahren müssen. Der Stadtrat muss subito informieren.»

Kathrin Martelli selbst wollte gestern nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Über ihre Sprecherin Andrea Holenstein liess sie aber ausrichten, die Nachforderung von Implenia sei unberechtigt, und es gebe keine Kostenüberschreitungen. «Da die Stadt Zürich den vertraglich vereinbarten Werklohn vollumfänglich bezahlt hat und weil darum keine Ansprüche bestehen, ist es auch nicht nötig, den Gemeinderat beziehungsweise dessen Instanzen zu informieren.» Derweil wehren sich die Erbauer des Letzigrund-Stadions gegen den Vorwurf, sie hätten schlampig gearbeitet. Die Stadt hatte Rost in der Dachkonstruktion und einen Riss in einem Stahlträger entdeckt. Alle 31 Dachträger werden deshalb seit dieser Woche mit provisorischen Stützen gesichert.

«Die Hilfsstützen sind überhaupt nicht nötig», sagt Hans Peter Wetter, Chef der Stahlbau-Firma H. Wetter AG. Diese hatte die Hälfte der 62 Originalstützen angefertigt, welche das Stadiondach tragen. «Von Pfusch am Bau kann keine Rede sein», sagt Wetter. «Bis jetzt ist nichts bekannt, was nicht den Normen entspricht. Es regt mich auf, dass die Stadt nicht vernünftig bleibt.»

Auch ein unabhängiger Experte, der ETH-Professor Thomas Vogel, bezeichnet die Aufregung ums Stadion als übertrieben. Die Baumängel seien von der Stadt «etwas aufgebauscht» worden, sagte der Professor für Baustatik und Konstruktion gegenüber der «NZZ». Das sei in solchen Streitfällen oft der Fall, weil es jeweils um die Frage gehe, wer am Schluss die Rechnung bezahlen müsse.

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