Auch dieses Jahr werden Tausende Kinder ihre Ferien in den Wäldern und Wiesen des Landes verbringen – vorwiegend Schweizer Kinder allerdings. Wenn Zelte aufgestellt werden, bleiben Migranten aussen vor. So gut sich Pfadi, Jubla und Cevi in den letzten Jahren gehalten haben, für Familien mit ausländischem Hintergrund bleiben sie ein Rätsel. Das soll sich ändern.

Vor drei Wochen organisierte die Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) eine Konferenz zur interkulturellen Öffnung. Die Vereine beschäftigten sich mit der Frage, wie Migrantenfamilien besser erreicht werden können. «Viele von ihnen kennen Verbände wie die Jubla oft gar nicht», sagt Rahel Erni, die das Projekt bei der Jubla leitet.

In der Schweiz geniesse das Vereinsleben einen hohen Stellenwert, in anderen Ländern weniger. Es gelte zu erklären, was die Jubla genau sei. Dort herrsche kein Leistungsdruck, Spiel und Spass stünden im Vordergrund. Ein Vorteil ist das nicht: «Da in Familien mit Migrationshintergrund oftmals Resultate zählen, schicken sie ihre Kinder eher in den Fussballclub als in die Jubla», sagt Erni.

Neben der direkten Ansprache von Migrations-Familien sensibilisiere die Jubla ihre Leiter in der Ausbildung. Zusammen mit den anderen Verbänden hat sie zudem die Plattform Varietà erarbeitet, auf der Informations-Unterlagen zum Thema publiziert werden. Eine Studie, die der Verband 2010 durchführen liess, ergab, dass 82 Prozent der Jubla-Familien Schweizerdeutsch sprechen. Von ähnlichen Zahlen geht auch die Cevi aus: «In den meisten Ortsgruppen haben maximal 10 Prozent der Kinder Migrationshintergrund», sagt Sprecher Felix Furrer. Zum Vergleich: In der Schweizer Bevölkerung beträgt der Anteil 36 Prozent.

«Die Gründe für die Untervertretung sind sehr vielschichtig», sagt Furrer. Häufigstes Problem sei fehlendes Wissen über die Aktivitäten der Jugendverbände und ihren Nutzen. Dass interessierte Ortsgruppen die Zusammenarbeit mit erwachsenen Vertretern der Kulturkreise suchen sollen, sei eine wichtige Erkenntnis bisheriger Projekte. So könnten sie herausfinden, wie der Verein die entsprechenden Migranten-Gruppen besser erreichen könne – und daraus passende Massnahmen ableiten. In Zürich beteiligt sich die Cevi mit der Jubla und der Pfadi an einem Pilot-Projekt der kantonalen Kinder- und Jugendförderung. Im seit Februar laufenden Test wird versucht, Kinder aus Migrantenfamilien besser in die Verbände zu integrieren. Ein fixfertiges Rezept an Massnahmen, sagt Cevi-Sprecher Furrer, gebe es aber nicht.

Das musste auch die Pfadi feststellen – mit knapp 43 000 Mitgliedern der grösste der drei Jugendverbände. Zwar sensibilisiert sie die Leiter in Kursen, hält Konferenzen ab und versucht, die Eltern etwa mit anderssprachigen Info-Unterlagen besser zu erreichen. Doch die genauen Ursachen für das Wegbleiben der Migrantenkinder bleiben diffus. Deshalb wird nächstes Jahr mit externer Unterstützung eine Umfrage durchgeführt. Sie soll aufzeigen, was Migranten daran hindert, ihre Samstagnachmittage im Wald zu verbringen. Auch Anne-Françoise Vuilleumier, Leiterin des Bereichs «Programm» beim Pfadi-Dachverband, betont die Wichtigkeit der Ansprache der Eltern. Dabei lauern Hindernisse an ungeahnten Stellen. Es sei wichtig, auf die Sprache zu achten, heisst es etwa in einem Bericht der Pfadi zur interkulturellen Öffnung. «Gewisse Wörter wie ‹Lager›, die wir brauchen, um Pfadi zu erklären, gehören nicht zum Vokabular oder werden unpassend assoziiert.»

Allen Bemühungen zum Trotz: Gewisse Hürden sind schwer zu überwinden. Das zeigt ein Pilotprojekt der Pfadi im Tessin. In Lugano arbeiteten die Pfadfinder letztes Jahr eng mit der islamischen Gemeinde und dem Imam zusammen. «Sehr konkrete und in gewissen Punkten gegenüber der Pfadi sehr unterschiedliche Werte» hätten zu einem langwierigen Vertrauensbildungsprozess geführt, heisst es im Bericht. Das habe starke Einschränkungen der üblichen Pfadi-Aktivitäten zur Folge gehabt. Deshalb sei es wichtig, mit Pfadi-Gruppen anzufangen, die schon Kontakte mit Migranten-Kindern hatten und die guten Erfahrungen nutzen könnten, sagt Vuilleumier.

Strenge Religiosität setzt der Integrationskraft der Verbände dabei enge Grenzen. Die Pfadi ist zwar als einziger der drei Verbände konfessionell neutral. Ob dies ein Vorteil ist, bleibt fraglich. «Streng religiöse Gruppen sind vermutlich eher schwer zu erreichen, wenn die Abteilung nicht oder nicht gleichgläubig religiös ist», heisst es im Pfadi-Bericht. Nach gewissen Thesen könne sogar eine christliche Abteilung etwa für Muslime attraktiver sein als eine nicht religiöse – ganz nach dem Motto: «Wenigstens wissen wir, was sie glauben, und sie glauben an Gott.»

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