Mit 240 Mitarbeitenden zählt der Verein ABB Kinderkrippe zu den grössten Krippenbetreibern der Schweiz. Es ist nicht lange her, da flatterten auf eine freie Stelle «Berge von Bewerbungen» ins Haus, wie Jeannette Good, Geschäftsführerin des Vereins, erklärt. Heute ist das anders. «Der Markt ist ausgetrocknet», sagt sie. Es werde schwieriger, geeignetes Personal zu finden.

Auch Branchenverbände und -netzwerke stellen eine Personalnot fest. Seit Jahresbeginn häuften sich entsprechende Rückmeldungen, sagt Stefanie Knocks vom Netzwerk Kinderbetreuung.

Ähnlich klingt es beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse). Um dem Trend entgegenzuwirken, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden, fordert deshalb Knocks. «Der Lohn ist niedrig, die Wertschätzung auch.» Ein durchschnittliches Gehalt einer Betreuerin liegt zwischen 3900 und 4300 Franken. Dabei sei der Beruf physisch und psychisch sehr anspruchsvoll.

Hinzu kommt, dass das Betreuungsangebot in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Allein die Stadt Zürich schuf letztes Jahr Hunderte neue Plätze. Die Krippen weichen darum zunehmend auf Grenzgänger und Betreuer aus den Nachbarländern aus. Doch mit dem Ja zur Zuwanderungsinitiative droht diese Personalquelle zu versiegen.

Einspringen sollen deshalb die Männer. Die Branche wirbt seit längerem intensiv um Erzieher. «Kinderbetreuer: Ein prima Männerberuf» war eine der ersten Imagekampagnen. Weitere folgten, doch der Anteil Männer stagniert weiterhin zwischen 3 und 8 Prozent. Der Branchenverband plant nun zusammen mit Partnern eine weitere Offensive. An Berufsbildungsmessen und an höheren Fachschulen wird für mehr Männer in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung geworben.

Allerdings gelten Männer, die in einer Kinderkrippe arbeiten, oft als Weicheier. «Auch ich werde manchmal belächelt, wenn ich meinen Beruf erwähne», sagt Gieri Columberg, einer der wenigen männlichen Krippenleiter der Schweiz. Doch das macht ihm nichts aus. «Ich wollte mit Kindern und anderen Betreuern arbeiten», sagt der Quereinsteiger, der zuvor an der ETH Zürich doktorierte. Ein gewisser Idealismus gehöre zum Beruf. Ausserdem würden die Kinder von einer männlichen Bezugsperson profitieren.

Viele Tagesstätten scheuen sich dennoch davor, Männer einzustellen. Sie können schnell unter den Verdacht des sexuellen Missbrauchs geraten. Vor kurzem wurde in St. Gallen ein 16-jähriger Praktikant verdächtigt, ein vierjähriges Mädchen missbraucht zu haben. Weil sich der Verdacht nicht erhärtete, wurde das Verfahren eingestellt. Ein Fall mit Folgen, denn aus Angst vor ähnlichen Anschuldigungen kündigte das gesamte männliche Personal.

Nicht nur wegen solcher Vorfälle dürfte sich der Personalnotstand künftig eher verstärken als abschwächen. Deshalb wird auch die Politik aktiv. Die Finanzhilfe des Bundes zur Gründung neuer Krippenplätze läuft zwar im Januar 2015 aus. Doch die Krippen-Kredite (bisher 290 Millionen Franken) stehen vor einer Neuauflage.

2003 hatte das Parlament die Anschubfinanzierung für Krippen beschlossen. Diese wurde daraufhin zweimal verlängert, wobei das Parlament 2011 explizit ins Gesetz schrieb, der Kredit werde zum letzten Mal verlängert. Trotzdem haben sich die Bildungskommissionen des National- und Ständerats für eine Weiterführung ausgesprochen. Sie folgen einer Initiative von Rosmarie Quadranti (BDP/ZH).

«Die Nachfrage ist gross», sagt sie. Ohne finanzielle Unterstützung könnten viele Krippen und Horte nicht gegründet werden. Wie lange das finanzielle Engagement des Bundes andauern soll, ist noch offen. «Ich setzte mich für drei weitere Jahre ein», sagt Quadranti.

Gemäss einer Nationalfondsstudie gibt es in der Schweiz 34 500 Krippenplätze für Kinder bis zu drei Jahren sowie 69 000 Plätze für 4- bis 12-Jährige am Mittagstisch. Weil die meisten Eltern die Plätze allerdings nicht jeden Tag in Anspruch nehmen, liegt die Gesamtzahl der betreuten Kinder deutlich höher.

Dabei sind die regionalen Unterschiede beträchtlich. Am höchsten ist die Abdeckung in der Romandie, in Basel und dem Wirtschaftsraum Zürich. Am tiefsten ist sie in den ländlichen Gebieten der Zentral- und Ostschweiz.

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