Die Schweiz steht vor einem Umbruch. Allein in den technischen Branchen werden in den kommenden fünf Jahren rund 100 000 Werktätige pensioniert, sagt Swissmem-Präsident Hans Hess. Für die betroffenen Firmen eine grosse Herausforderung, denn die Wirtschaft läuft trotz Frankenstärke noch immer gut. Qualifizierte Arbeitskräfte sind gefragt, doch es kommen viel zu wenig junge nach.

Auch Christoph Franz, Präsident des Pharmariesen Roche, sprach kürzlich an einem Vortrag in Basel den anwesenden Managern und Politikern ins Gewissen. 300 000 Personen gingen in den kommenden fünf Jahren landesweit in Rente, warnte der frühere Chef der Fluggesellschaft Swiss. Die Schweiz habe gewichtige strukturelle Probleme, die sie nun angehen müsse.

Grund für die Pensionierungswelle sind die Babyboomer, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geboren wurden. Damals zog die Wirtschaft kräftig an. Der Krieg lag zurück, man konnte sich wieder etwas leisten. Insbesondere auch Kinder. Und diese Kinder werden nun zu Rentnern. Das zeigt auch der Blick in die Statistik: Die Altersverteilung hat einen deutlichen Buckel, der sich langsam in Richtung Alter 65 verschiebt. Den Buckel bilden die Babyboomer. Jedes Jahr gehen mehr von ihnen in Rente.

Das allein wäre für die Demografie kein Problem, wäre nicht Anfang der Sechzigerjahre die Antibabypille erfunden worden. Sie – zusammen mit dem gesellschaftlichen Wandel – führte dazu, dass auf die Babyboom-Generation weniger Kinder folgten. Das Verhältnis wurde ungünstig. 1980 lebten in der Schweiz noch fast doppelt so viele 20-Jährige wie 65-Jährige. Heute beträgt das Verhältnis 1 zu 1, bis 2024 soll es auf 0,8 fallen.

In einigen Branchen ist das Problem besonders gravierend. So befinden sich überdurchschnittlich viele Bauarbeiter kurz vor der Pensionierung, wie der Baumeisterverband bestätigt. Die Baubranche erlebt das Pensionierungsproblem früher als die restliche Schweiz, denn Bauarbeiter können sich mit 60 pensionieren lassen. Hinzu kommen Sondereffekte. Unter den baldigen Rentnern befinden sich viele Leute, die im Bauboom der Achtzigerjahre eingestellt wurden. Davon zeugt auch der hohe Anteil einstiger Gastarbeiter aus dem Ausland, die jetzt ebenfalls pensioniert werden.

Stark betroffen sind auch Schulen und Kindergärten. Seit Jahren schon warnt der Lehrerverband regelmässig vor den vielen anstehenden Pensionierungen. Nicht zuletzt deshalb wurden Programme für Quereinsteiger geschaffen, die vermehrt die Kinder unterrichten. Für grosse Betriebe bedeutet der Generationenwechsel viel Arbeit in der Personalabteilung. Die SBB rechnen mit 2300 neuen Rentnern in den nächsten 5 Jahren, die Schweizerische Post pensioniert sogar 900 Mitarbeiter jedes Jahr.

Bis anhin waren die Babyboomer für den Arbeitsmarkt nur bedingt ein Problem. Die benötigten Arbeitskräfte wurden einfach durch Zuwanderung aus dem Ausland beschafft. Der Zustrom übertünchte die bereits vorhandenen strukturellen Probleme. Die bis zu 80 000 Einwanderer wurden vom Arbeitsmarkt problemlos aufgenommen, denn die Wirtschaft florierte.

Entsprechend mit Sorgen blicken die Wirtschaftsvertreter derzeit nach Bern, wo die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative angegangen wird. Rund 5000 Zuwanderer benötige die Maschinenindustrie pro Jahr, sagt Swissmem Präsident Hans Hess. «Diese 5000 brauchen wir unbedingt. Darum ist die Personenfreizügigkeit mit der EU für uns wichtig.» Und auch Roche-Präsident Franz, selber einst aus Deutschland eingewandert, mahnte: «Wir brauchen Zuwanderung und Grenzgänger.» Allein mit den Schweizern könne man das Defizit nicht beheben. Die Grenze des Machbaren sei dann «überschritten», wenn die Personenfreizügigkeit mit der EU infrage gestellt werde, sagte er damals am Rande der Veranstaltung. «Vielleicht muss man dann halt auch noch einmal ein Gesetz vors Volk bringen.»

Doch mit oder ohne Freizügigkeit muss sich die Schweizer Wirtschaft auf weniger Zuwanderung einstellen. Wie soll das gehen? Es sei ein «Fakt», dass das Angebot an Arbeitskräften abnehme, sagt Alexis Körber, Ökonom beim Wirtschaftsforschungs-Unternehmen BAK Basel. Er spricht daher auch von der Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Sind weniger Arbeitskräfte da, muss der Einzelne länger arbeiten.

Diesen Gedanken macht man sich auch beim Bund. Dort gehen derzeit rund 800 Personen pro Jahr in Rente. Zwei Drittel davon bevor sie das ordentliche Pensionierungsalter erreicht haben. «Wir brauchen einen Kulturwandel», sagt Anand Jagtap vom eidgenössischen Personalamt. Früher habe man sehr grosszügige Überbrückungsrenten für Frührentner bezahlt, sagt er. Das sei bereits reduziert worden. «Und nicht nur aus finanziellen Gründen.» Man müsse den Angestellten die Möglichkeit geben, auch übers Rentenalter hinaus zu arbeiten, wenn diese noch gebraucht werden. «Wir haben die Obergrenze für die Pensionierung bereits auf 70 angehoben.»

Reagiert hat auch der Autobauer VW – allerdings mit einer anderen Methode: Roboter ersetzen die Babyboomer, wie der Konzern Anfang Jahr mitteilte. Menschen würden nicht entlassen, weil jährlich 10 000 Angestellte in Rente gehen. VW spricht gar von einem «Glücksfall», den die Babyboomer ermöglichten.

Das wird aber nicht in allen Branchen möglich sein. Am Ende bleibt ein stärkerer Kampf um die einzelnen Mitarbeiter. Bei den Schweizer Lehrlingen ist das seit einigen Jahren bereits zu spüren. Wo früher zu wenig Lehrstellen waren, fehlen heute Lehrlinge – Tausende Stellen bleiben jeden Sommer unbesetzt. Die Firmen kämpfen mit harten Bandagen um die Besten, schliessen Verträge teilweise ein Jahr im Voraus ab. Die Gewerkschaft Unia schlägt wegen des Lehrlingsmangels einen höheren Lohn vor.

Ohne Aussicht auf Besserung ist die Situation aber nicht. Ab 2018 wird die Zahl der Schulabgänger wieder steigen. So erhalten die Firmen wieder mehr Lehrlinge – und junges Personal für ihre in Rente gehenden Arbeiter.

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