Passanten liessen Opfer liegen: Freispruch gefordert

Ort des Geschehens: Bancomat in Aesch BL. Foto: Nicole Nars-Zimmer

Ort des Geschehens: Bancomat in Aesch BL. Foto: Nicole Nars-Zimmer

Teenager erlitt Hirnschlag, niemand half – jetzt spricht der Angeklagte.

Die Empörung ist gross. Mehrere Hundert Online-Kommentatoren fordern eine harte Strafe für einen Baselbieter Unternehmer und ehemaligen SVP-Gemeinderatskandidaten. Die Basler Ausgabe der «Schweiz am Sonntag» berichtete, dass der 48-Jährige am kommenden Freitag wegen unterlassener Nothilfe vor dem Strafgericht in Liestal steht. Der Mann eilte einem 15-Jährigen nicht zu Hilfe, als dieser neben ihm am Bancomaten in Aesch zusammenbrach.

Der Jugendliche erlitt einen Hirnschlag. Er ist seither teilweise gelähmt, da ihm über eine Stunde lang nicht geholfen wurde. Die Videokameras der Bank filmten zehn weitere Personen, die an dem zusammengebrochenen Teenager vorbeigingen, ohne sich um ihn zu kümmern. Sie erhielten von der Staatsanwaltschaft keinen Strafbefehl, da sie den Sturz im Gegensatz zum Angeklagten nicht miterlebt hatten.

Der Angeklagte meldet sich nun erstmals zu Wort. Den jungen Mann habe er gefragt, ob «alles okay» sei, als dieser zusammengesackt und auf die Knie gefallen sei: «Doch er hat nur komisch gelächelt.» Der Unternehmer verteidigt sich: «Ich habe noch nie einen Schlaganfall miterlebt. Ich kannte die Anzeichen nicht.» Selbst die Spezialisten im Spital hätten erst nach langen Abklärungen gemerkt, dass die Verletzungen nicht die Folge eines Raubüberfalls gewesen seien. Heute würde der Beschuldigte anders handeln. Er sagt: «Wenn ich den Fall nicht selber erlebt hätte, würde ich auch sagen, dass man doch hätte merken müssen, dass der Mann Hilfe braucht.»

Der Angeklagte erhält prominente Unterstützung. Alec von Graffenried, Präsident der Rechtskommission des Nationalrats, sagt, dass er eine Verurteilung für ungerechtfertigt halten würde. Der Rechtsanwalt fragt: «Ist es gerecht, wenn einer von zehn herausgepickt und bestraft wird?» Ohnehin sei das Strafrecht in diesem Fall vermutlich der falsche Ansatz, um das Problem zu lösen. «Stattdessen sollten die Selbstverantwortung und die Nachbarschaftshilfe gestärkt werden», argumentiert er.

Peter Albrecht, Basler Alt-Strafgerichtspräsident, beurteilt die heutige Regelung ebenfalls kritisch. Schon deren Einführung im Jahr 1989 sei politisch sehr umstritten gewesen, sagt er. Es entspreche zwar einer moralischen Pflicht, auch unbekannten Menschen in Lebensgefahr zu helfen. «Nicht so selbstverständlich ist hingegen – jedenfalls für eine liberale Rechtsordnung –, diese moralische Pflicht mittels einer Strafnorm staatlich durchzusetzen», sagt Albrecht.

Die Eltern des Opfers widersprechen. Sie fordern sogar eine Verschärfung des Strafrechts. Man müsse doch nicht erst helfen, wenn es um Leben und Tod gehe, sagen sie. Schon bei weniger schweren Verletzungen solle Nothilfe strafrechtlich vorgeschrieben werden. Doch diesmal springt die Politik nicht auf die Welle der Empörung auf. Der Bündner Stefan Engler (CVP), Präsident der Rechtskommission des Ständerats, sagt: «Mitmenschlichkeit und Zivilcourage lassen sich nicht vorschreiben.»

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