Herr Jarren, Sie sehen die Uni Zürich trotz aller Negativschlagzeilen nicht in der Krise. Was muss denn noch passieren, bis Sie eine Krise ausmachen?
Otfried Jarren: Das wäre dann der Fall, wenn wir unseren Normalbetrieb nicht mehr aufrechterhalten können. Das Medizinhistorische Institut ist ganz klein und hat keine wichtige strategische Bedeutung für die Uni Zürich. Da werden keine grossen Forschungsmittel generiert, da werden keine entscheidenden Beiträge für die Fachzeitschriften geschrieben, die das internationale Ansehen der Universität steigern.

Trotzdem haben 600 Wissenschafter ein Protest-Inserat unterschrieben. Viele arbeiten selbst an der Uni Zürich. Ist das nicht illoyal ihrem Arbeitgeber gegenüber?
Wenn ein Lager einmal begonnen hat, den Vorfall zu befeuern, denkt das andere sofort, es müsse zum Gegenschlag ausholen. Eine solche Entwicklung ist kaum mehr aufzuhalten. Und die Medien stilisieren den Konflikt zum politisch-ideologischen Kampf. Dann verlassen leider einige Wissenschafter ihre Rolle und werden zu Politikern.

Dennoch muss ja ein gewisser Nährboden für solche Streitereien vorhanden sein. Christoph Mörgeli fühlt sich als SVP-Politiker an der Uni gemobbt.
Wir haben zum Glück keinen Parteienproporz. Professoren werden nicht aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit eingestellt oder abgelehnt. Die politische Ausrichtung spielt nur in wenigen Fächern wie der Schweizer Zeitgeschichte eine Rolle, da es das Selbstbild der Schweiz prägt. Aber die Medizingeschichte ist überhaupt nicht parteipolitisch.

Auch Mörgelis Kontrahentin Iris Ritzmann wurde entlassen. Sie widerspricht Ihrer Darstellung, Sie hätten sich persönlich um eine einvernehmliche Lösung bemüht. Was stimmt nun?
Wir haben jemanden gesucht, der eine einvernehmliche Lösung finden sollte, um das Arbeitsverhältnis in gegenseitigem Einvernehmen aufheben zu können. Das habe ich nicht selbst gemacht, sondern eine unabhängige, hochrangige Persönlichkeit. Ich bin kein Jurist.

Haben Sie darum nicht persönlich mit Christoph Mörgeli gesprochen?
Richtig, ansonsten müsste ich bei 8000 Beschäftigten jedes Personalgespräch führen. Trotzdem habe ich mich um eine Lösung bemüht. Dem Umfeld von Frau Ritzmann habe ich immer signalisiert, dass ich bereit bin, entgegenzukommen.

Unabhängig von Ritzmanns Rauswurf war die Weitergabe von Mitarbeiterdaten, die gar nichts mit dem Fall Mörgeli zu tun hatten, ein grosser Fehler, wie Sie selber eingeräumt haben. Wie konnte es so weit kommen?
Wir waren auf einen solchen Fall nicht vorbereitet. Die Anfrage der Staatsanwaltschaft ging an verschiedene Personen, es gab also keine zentrale Anlaufstelle. Hinzu kamen technische Probleme. Das Staatsarchiv und das Europa-Institut hängen am gleichen Nummernblock wie das Medizinhistorische Institut. Als wir Daten unseres Instituts weitergaben, haben wir automatisch auch deren Daten weitergegeben.

Und das wusste die Unileitung nicht?
Nein, das hat niemand gewusst. Wir hatten in unserer Geschichte noch nie eine Anfrage von einer Staatsanwaltschaft.

Wie haben Sie als Medienwissenschafter die Rolle der Medien im Fall Mörgeli wahrgenommen?
Die Wissenschaft an sich ist gar nicht Kern der Debatte. Dass die Medien auf ein solches politisch getriebenes Spiel aufspringen, ist klar: Es ist attraktiv, die Personen sind prominent und man kann fast täglich neue Aussagen dazu generieren.

Mit solchen Themen befassen Sie sich auch als Präsident der Medienkommission des Bundes. Zu welchen Erkenntnissen kommen Sie da?
Uns beschäftigt vor allem die Medienförderung. Die Kommission ist der Meinung, dass man in den Journalismus investieren sollte, vor allem in die investigativen Ressourcen und in die Weiterbildung. Es kann nicht sein, dass der Bund einfach Subventionen spricht. Bundesmittel sollten dahin gehen, wo sie hingehören: Sie sollten in die intellektuelle Leistung der Journalisten fliessen.

Ist die staatliche Subventionierung künftig unabdingbar?
Das würden die grossen Verleger sicher verteufeln, bei kleineren und mittelgrossen Medienunternehmern sieht es anders aus.

Journalisten fürchten um ihre Unabhängigkeit, wenn Staatsgeld fliesst.
Die Realität ist doch folgende: Journalisten müssen sich heute viel mehr dem wirtschaftlichen Druck beugen, als dass sie politische Interventionen fürchten müssten. Niemand will, dass Bundesrat oder Behörden die Journalisten manipulieren, das wird auch nicht der Fall sein.

Haben Qualität und Meinungsvielfalt in den Medien wirklich abgenommen?
Das ist bekanntlich die Ansicht von Herrn Blocher, der den Rückgang der Meinungsvielfalt bedauert, und diese Haltung teile ich. Es sollten in den Medien alle Positionen dargestellt werden, damit sich die Bürger eine eigene Meinung bilden können. Das ist gerade in einer direkten Demokratie sehr wichtig, und hier sehe ich schon ein Problem: Tendenziell berichten die Medien weniger ausführlich aus den National- und Ständeratsdebatten. Das liegt primär an fehlenden journalistischen Ressourcen.

Wird die Universität künftig verstärkt auf Sponsoren angewiesen sein?
Ich hoffe es nicht. Die Universität muss weiterhin vom Staat und von den Studierenden grundfinanziert werden. Das funktioniert heute wunderbar. Es gibt aber bestimmte Bereiche – etwa in der Technik oder der Infrastruktur – wo heute Investitionen nötig sind, die es so vor zehn Jahren noch nicht gab. Dies gilt für Disziplinen wie Psychologie oder der Sprachwissenschaft.

Und dazu braucht es Sponsorengeld?
Wir verdanken jede Unterstützung auch diejenige von Unternehmen. Für mich ist Sponsoring an Universitäten ein Grenzfall. Denn es geht um Leistung und Gegenleistung: Sichtbarkeit und Markenpräsenz. Das ist nicht immer einfach. Viel besser als Sponsoring wäre eine Zuwendung: Wenn ein Geldgeber sagt, wir wollen ein bestimmtes Thema wie etwa Jugendforschung fördern und stellt dann die Mittel dafür zur Verfügung. Das wäre ohne konkrete Gegenleistung im Sinne von Marketing.

Im Fall der UBS, die der Universität 100 Millionen Franken gibt, handelt es sich aber um klassisches Sponsoring.
Darüber wird man reden müssen. Wir sind nicht die ersten ‹Sünder›: In der Schweiz und in Deutschland werden Lehrstühle schon länger von Firmen gesponsert, in den USA sowieso. Und an der ETH Lausanne tritt Rolex als Sponsor auf. Die Uhrenindustrie steht für Innovation, Feinmechanik und schweizerische Tradition. Darum wird das Rolex-Sponsoring wohl kaum kritisiert.

Wie stark wird die UBS an der Universität sichtbar sein?
Das wird man nochmals mit der UBS anschauen müssen. Einiges hat man wohl zu wenig bedacht. Das ist aber nicht der Fehler der UBS, sondern ein Versäumnis von uns. Die Bank hat ja bloss ein grosszügiges Angebot offeriert und die Universität hat ja gesagt. Also müssen wir das Thema nun gemeinsam lösen.

Gibt es weitere Sponsoren, mit denen Sie in Kontakt stehen?
Wir müssen hier grundsätzlich über die Bücher. Wir brauchen eine spezielle Regelung auch für das Sponsoring. Ein Sponsoring wie bei der UBS wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Werden die Studenten künftig höhere Studiengebühren bezahlen müssen?
Es gab jetzt gerade eine Erhöhung aufgrund der Teuerung. Aber die Universitätsleitung ist klar der Meinung, dass die Studiengebühren nicht zu einer sozialen Selektion bei den Studierenden führen dürfen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper