VON SANDRO BROTZ

Er könnte genauso gut tot sein. Es grenzt an ein Wunder, dass Wolfgang O. bei der Gewaltorgie am Abend des 30. Juni letzten Jahres nicht das Genick gebrochen wurde. Die beiden 17-jährigen Schüler Mike und Benji versetzten dem 46-jährigen Versicherungskaufmann aus Nordrhein-Westfalen mehrere Fusstritte mitten ins Gesicht.

Im Prinzip brachen sie ihm alle Knochen im Gesicht. Dieses wurde «komplett nach rechts verschoben», wie die Ärzte erklärten. Der schwer verletzte Geschäftsmann wurde ins künstliche Koma versetzt. Tagelang war unklar, ob er sogar sein Augenlicht verlieren würde. Das Gesicht von Wolfgang O. musste in einer aufwändigen Operation neu aufgebaut werden. Die Narben werden ein Leben lang sichtbar sein.

Recherchen des «Sonntags» ergeben: Für die erlittenen Schmerzen seines Klienten will der Anwalt des Geschäftsmannes von Mike und Benji eine Genugtuung von 250 000 Euro – umgerechnet über 360 000 Franken. Ein entsprechendes Schreiben des Rechtsvertreters von Wolfgang O. liegt bei den Gerichtsakten, wie mehrere Parteienvertreter bestätigen.

Der Münchner Rechtsvertreter des mutmasslichen Haupttäters Mike will sich zur konkreten Summe nicht äussern, bezeichnet die Forderung aber als «absurd hoch». Er verweist auf die so genannte Schmerzensgeldtabelle, die vom Adac-Verlag herausgegeben wird. Darin ergeben zahlreiche Urteile sortiert nach Art und Schwere der Verletzung ein ungefähres Bild, in welcher Höhe Schmerzensgeld zugesprochen wird. Die Richter sind nicht an die Schmerzensgeldtabelle gebunden, beziehen sich aber in ihren Urteilen häufig darauf.

Mikes Anwalt stellt sich auf den Standpunkt, dass bei den vorliegenden Verletzungen von einem maximalen Schmerzensgeld von 20 000 Euro (umgerechnet rund 30 000 Franken) ausgegangen werden könne. Wolfgang O. wurde mit gebrochenem Jochbein und zertrümmerten Augen- und Kieferhöhlen ins Spital eingeliefert. Dennoch bezeichnet Mikes Anwalt die hohe Forderung nach Schmerzensgeld als Versuch, «vor dem Prozess Druck aufzubauen».

Die in Deutschland als Täter-Opfer-Ausgleich bezeichnete Massnahme zur aussergerichtlichen Konfliktschlichtung ist damit gescheitert. Die Höhe des Schmerzensgeldes muss auf gerichtlichem Wege geklärt werden. Wäre es zu einer Einigung gekommen, hätte dies bei der Strafzumessung eine wichtige Rolle gespielt. Mike, Benji und ihr Schulkollege Ivan müssen sich ab dem 8. März vor der 1. Jugendkammer des Münchner Landgerichts wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Nach dem Jugendstrafrecht ist eine Höchststrafe von 10 Jahren möglich.

Für Mikes Anwalt ist der Tötungsvorsatz «sehr fragwürdig». Kein Opfer habe sich in Lebensgefahr befunden. Diese Feststellung wird auch in der Anklageschrift gemacht, die der «Tages-Anzeiger» diese Woche publik machte. Die Staatsanwaltschaft prüft deswegen ein Verfahren wegen Geheimnisverletzung. «Das Verfahren ist nicht öffentlich und das gilt auch für die Anklageschrift», sagt Sprecher Thomas Steinkraus-Koch.

Seinen Angaben zufolge wird für den Verlauf des Prozesses die Anordnung eines Fotografier- und Filmverbots diskutiert. Die Eltern der drei angeklagten Jugendlichen sind zur Hauptverhandlung zugelassen.

Mikes Vater hofft darauf, dass sich der Richter nicht von der Medienberichterstattung beeinflussen lässt und keine drakonischen Strafen verhängt, wie er dem «Sonntag» sagt: «Dieser Fall ist nicht nur für die Opfer, sondern auch für unsere Familie eine einzige Katastrophe.»

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