Maurice G.* wurde diese Woche von der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland angeklagt. Der Pseudo-Heiler soll 16 Menschen absichtlich mit Aids infiziert haben. Es ist die grösste HIV-Massenansteckung, die es in der Schweiz je gab.

Das hinderte den «Heiler» nicht daran, auf seiner Website als guruhafter Hellseher mit Kristallkugel in der Hand zu posieren. Ein Hohn für seine 16 Opfer, die er laut Anklage in den Jahren von 2001 bis 2005 mit einer Art Nadel hinterrücks in den Rücken stach und somit HI-Viren infizierte – zum Teil auch, indem er die Opfer vorher mit einem Getränk betäubte.

Was für tragische Folgen der Berner Aids-Skandal hat, steht in einem Brief des Berner Inselspitals an den Kantonsarzt: «Mindestens einer der Patienten scheint seine Koinfektion sexuell auf seine Partnerin übertragen zu haben», heisst es in dem Schreiben. Mit Koinfektion ist eine Ansteckung mit HI- und Hepatitis C-Viren gemeint.

Warum wurde dies bisher nicht öffentlich kommuniziert? «Diese Frage betreffen heikle Themen, die von der Staatsanwaltschaft erst in der Hauptverhandlung aufgegriffen und ausgeleuchtet werden», sagt Christof Scheurer, Sprecher der Berner Staatsanwaltschaft.

Niemand weiss, ob es nicht noch weitere Opfer gibt, die sich aus Scham oder anderen Gründen nicht bei der Justiz gemeldet haben. «Der Sonntag» weiss, dass erst fünf Jahre nach Beginn der Untersuchung ein weiteres Opfer aufgetaucht ist. «Eine betroffene Person hat sich im Juni 2010 gemeldet», bestätigt Justizsprecher Christof Scheurer,

Welche unheimlichen Dimensionen der Skandal hat, zeigt sich auch darin, dass Maurice G. sogar Personen aus seinem familiären Umfeld behandelt und mit Aids infiziert haben soll.

Der Hobby-Heiler ist diese Woche nicht nur wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten angeklagt worden. Im gleichen Verfahren muss er sich auch wegen Drohung und Nötigung verantworten: Aufgrund der Anschuldigungen gegen seine Person kam es zu Beziehungsproblemen mit seiner Ex-Frau. Er stiess Morddrohungen gegen sie aus und setzte sie mit Psycho-Terror unter Druck. Die Angst seiner Ex-Frau war so gross, dass sie aus Bern flüchtete und in der Romandie eine neue Stellung annahm. Um die in Fachkreisen bekannte Ärztin zu schützen, wurde Maurice G. gerichtlich verboten, den neuen Wohnkanton seiner Ex zu betreten.

Seinen Hang zur Gewalt zeigte der Inhaber einer Musikschule aber auch gegenüber seinen Schülern, von denen viele zu seinen Opfern zählen. Eines von ihnen weigerte sich aus Angst, bei der Justiz auszusagen. Er schreckte auch nicht vor minderjährigen Opfern zurück. Den Sohn eines Musikschülers steckte er bei einer Behandlung mit dem Virus an.

Das Inselspital diagnostizierte bei dem Jungen bereits im Jahr 2002 die HIV-Infektion. Obwohl schon damals der Verdacht auf Maurice G. fiel, verzichtete man wegen des Gesundheitszustandes und des jugendlichen Alters des Opfers auf eine Anzeige. Ein gravierender Fehler, wie man heute weiss.

Rätselhaft bei dem ganzen Fall bleibt die Motivation der Aids-Massen-Ansteckung. Maurice G. stritt von Anfang alles ab. Er sieht hinter den Anschuldigungen ein Komplott mit satanischen Riten und Blutbrüderschaft. Sein Anwalt schiebt sogar die Schuld auf die Opfer. «Es ist vorstellbar, dass die Betroffenen einen Schuldigen für ihre Infektion gesucht haben. Wenn ein Sündenbock präsentiert werden kann, muss die selbst verschuldete HIV-Infizierung nicht erklärt werden», lässt er mitteilen.

Auch ein psychiatrisches Gutachten soll keine Erklärung für das unvorstellbare Vorgehen gebracht haben. Aus seinem engeren Umfeld werden seine Allmachtsfantasien und seine Vorliebe, Menschen zu manipulieren, als mögliches Tatmotiv genannt. Möglich ist aber auch, dass Maurice G. jegliche Hygienemassnahmen grobfahrlässig missachtete, wie es in einem Schreiben des Inselspitals heisst.

Ein grosser Teil der Opfer ist nicht nur mit Aids, sondern auch mit einem besonders aggressiven Hepatitis-C-Virus angesteckt worden. Unter diesem leiden die Betroffenen heute mehr als unter der Aids-Infizierung. Hansjakob Furrer, Professor für Infektiologie im Inselspital Bern, sagt warum: «Die Hepatitis C, mit welcher die Personen infiziert sind, ist schwierig zu behandeln. Wir hoffen, in den nächsten Jahren wirksamere Medikamente zu haben, um die Opfer optimaler betreuen zu können.»

Die Staatsanwaltschaft hat diese ebenfalls lebensbedrohende Ansteckung nicht explizit in der Anklageschrift erwähnt. Sie soll aber vor Gericht einen gewichtigen Trumpf der Anklage sein.

Maurice G. schweigt zu den Vorwürfen: «Ich will nicht mit Ihnen reden. Auf Wiedersehen», sagte er und hängte das Telefon auf. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Im Falle einer Verurteilung beträgt die Maximalstrafe 15 Jahre.

* Name der Redaktion bekannt.

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