Mehr als 335 000 Menschen haben zwischen Januar und Mai dieses Jahres einen Asylantrag in einem europäischen Land gestellt. Doch anders als in den Vorjahren wählen die Flüchtlinge neue Routen, um nach Europa zu gelangen.

Während bis vor kurzem die Mehrheit der Asylsuchenden mit Booten übers Mittelmeer kamen, reisen sie heute vermehrt über den Landweg ein. Neue Zahlen von europäischen Migrationsbehörden zeigen, dass dieses Jahr bisher rund 85 000 Menschen über die Türkei, Griechenland oder Ungarn in die EU gelangt sind. Über das zentrale Mittelmeer setzten noch 78 000 über.

«Menschen, die über östliche Routen nach Europa gelangen, favorisieren nicht die Schweiz als Zielland, sondern Österreich, Deutschland oder weiter nördlich gelegene Länder», sagt Martin Reichlin vom Staatssekretariat für Migration (SEM). So verzeichnete denn auch Deutschland im ersten Halbjahr die höchste Anzahl von Asylbewerbern. 160 000 Menschen stellten dort zwischen Januar und Juni ein Gesuch. Das sind fast 40 Prozent aller Anträge. Ebenfalls beliebt ist Ungarn, wo 18 Prozent der Anträge eingingen. Auch in Österreich sind die Asylanträge seit Jahresbeginn stark angestiegen. 20 620 verzeichnete das Bundesministerium für Inneres bis Ende Mai. Das sind 180 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode.

Allerdings gehört die Schweiz nach wie vor zu den beliebten Zielländern. 2014 wurden hierzulande 2,9 Asylanträge pro 1000 Einwohner gestellt. Nur Schweden, Ungarn, Österreich und Malta hatten prozentual mehr Personen aufgenommen. «Menschen suchen sich Länder aus, die eine funktionierende Wirtschaft und eine stabile Sicherheitslage haben», sagt Reichlin. Ebenfalls spiele die Grösse der Diaspora eine Rolle.

Flüchtlinge suchen in Ländern Schutz, in denen sie bereits Freunde oder Verwandte wissen. Syrer reisten daher häufig nach Dänemark, Deutschland, Holland, Österreich oder Schweden. Eritreer bevorzugen Norwegen oder die Schweiz. Seit vier Jahren gehören die Menschen aus dem ostafrikanischen Staat hierzulande zur grössten Asylgruppe und stehen daher im Fokus des eben begonnenen Wahlkampfes. Der Tenor von politischen Hardlinern: Eritreer seien in ihrer Heimat nicht an Leib und Leben bedroht und würden daher das Schweizer Asylsystem ausnutzen. Zudem gewähre die Schweiz ihnen zu grosszügig Schutz. Doch jetzt zeigen neue Zahlen: Auch in anderen europäischen Länder ist die Schutzquote für Eritreer hoch. 88,9 Prozent der eritreischen Gesuchsteller erhalten im Schnitt in der EU Asyl oder dürfen vorläufig bleiben. In der Schweiz beträgt diese Schutzquote 89 Prozent.

Die Zahlen relativieren die oft geäusserte Vermutung, dass die Schweiz zu blauäugig Asyl gewährt. «Die Schweiz ist exakt im europäischen Mittel und hat keine grosszügigere Asylpraxis als umliegende Länder», sagt Reichlin. Auch hätten weder Dänemark noch Norwegen oder Grossbritannien ihre Asylpraxis verschärft, obwohl sie dies angekündigt hatten. Norwegen beispielsweise liess verlauten, dass es Eritreer rückschaffen wolle. Doch aktuell führt kein europäisches Land Asylsuchende nach Eritrea zurück.

Bis heute liegen keine zuverlässigen Informationen über eine Verbesserung der Menschenrechtslage in Eritrea vor. Zu diesem Schluss kommt ein am 11. Juni publizierter Länderreport des SEM für das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO). Entstanden ist dieser in Zusammenarbeit mit den Migrationsämtern in Dänemark, Österreich und Belgien.

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