Von Sabine Kuster

Richterswil an einem Montagmorgen im Jahr 2016. Im Schulhaus Feld beginnt eine 5. Klasse mit einer Französisch-Lektion. Die Lehrerin spielt auf der Gitarre «Salut, ça va?» vor einer dichten Kulisse aus farbig gestalteten Plakaten, Malkastenstapeln, Ordnern, einem ausgestopften Piranha. Ein gewöhnliches Schulzimmer. Wäre da nicht die weisse Tafel, auf die ein Computer-Desktop projiziert ist.

Das Zimmer gehört Ursula Ryffel (55), die interaktive Wandtafel auch. Die erste hat sie vor neun Jahren selbst gekauft. Auf die Schiefertafel daneben notiert sie seither nur noch Hausaufgaben. Ihr Schulzimmer ist eines der wenigen in der Schweiz, das in der digitalen Gegenwart angekommen ist.

Andere Schulen befinden sich technisch und unterrichtsdidaktisch noch im 20. Jahrhundert. Da werden Lückentexte auf Folien am Hellraum-Projektor ausgefüllt, im Internet Bilder gesucht, ausgedruckt und zwanzig Mal kopiert, zum Filmschauen der Röhrenbildschirm ins Zimmer gekarrt, für den Fremdsprachenunterricht eine CD in die Stereoanlage geschoben und in der Geografie die Schulwandkarten von der Decke runtergezogen. Ursula Ryffel hat für all das nur noch die interaktive Wandtafel. Mit einem Klick öffnet sie Tondokumente, Filme, Übungen, Internetrecherchen.

Grosse Unterschiede
Wie weit die Schweizer Schulen auseinanderklaffen, ist den Pädagogischen Hochschulen bekannt: «Manche Schulzimmer in der Schweiz sind 20 Jahre voneinander entfernt», sagt Jörg Graf, Dozent Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). «Während die einen Lehrer kaum noch Papier austeilen und die Schüler mit iPads ausgerüstet sind, gehen andere mit ihren Klassen einmal im Monat in einen Computerraum.» Die Schule, sagt er, sei ein träges System.

Das ist sie wohl. Aber immerhin hat sich der Unterricht in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt, es wird individualisiert, neue Fähigkeiten werden gefördert, und nun kommt auch der Lehrplan 21. Dort sind Kompetenzen zu «Medien» und «Informatik» gefordert. Vielleicht verankert der eine oder andere Kanton endlich die Informatik in der Stundentafel. Und natürlich haben die Kinder im täglichen Unterricht Computerkontakt, wenn sie mit Programmen Kopfrechnen üben oder einen Vortrag im Internet recherchieren.

Aber die Lehrpersonen selbst unterrichten meist noch mit dem Cluster aus veralteten Hilfsmitteln und greifen zur Kreide, statt dass sie vormachen, wie man sich mit moderner Technik hilft. Ralph Kugler, Dozent Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, sagt: «Die Gesellschaft verändert sich stark durch die technologische Entwicklung. Da kann die Schule nicht sagen, das geht uns nichts an.»

In jedem 6. Schulzimmer
Lieferanten von interaktiven Wandtafeln schätzen, dass rund 15 Prozent der Schweizer Schulzimmer mit einer solchen ausgerüstet sind. Wo ein neues Schulhaus gebaut wird, werden sie meist gerne montiert. Kugler sagt: «Wenn für Millionen ein neues Schulhaus gebaut wird, will man nicht, dass die Eltern es betreten und sagen: ‹Das sieht ja noch aus wie bei uns damals.›»

Die Stadt St. Gallen stattet bis im Jahr 2020 sämtliche Schulzimmer mit elektronischen Wandtafeln aus. 1,65 Millionen Franken für 200 Smartboards hat das Stadtparlament bereits 2008 gesprochen. Jedes Jahr werden 14 neue ausgeliefert.

Doch einmal installiert, wird die Einführung oft stiefmütterlich behandelt, sodass nur von sich aus begeisterte Lehrerinnen wie Ursula Ryffel das neue Gerät so nutzen, wie es sinnvoll wäre. «Ein Smartboard muss auch smart genutzt werden», sagt Kugler von der PH St. Gallen. Aber den meisten Lehrpersonen fehle das Know-how. Auch Graf von der PH der FHNW schätzt, dass die Möglichkeiten der interaktiven Wandtafel meist zu wenig gebraucht werden. Dann lohne sich eine solche Investition nicht, finden beide Dozenten.

Rund 10 000 Franken kostet eine Tafel inklusive Software, Installation und Einführung. Eine herkömmliche Wandtafel ist nicht viel billiger, allerdings hat sie eine längere Lebenserwartung, braucht keinen Strom, stürzt nicht ab und ist auch gut lesbar, wenn die Sonne ins Zimmer scheint.

Viele Lehrpersonen stehen den Boards aus diesen Gründen zuerst skeptisch gegenüber. Und so wird oft ein Kompromiss montiert: eine E-Wandtafel mit Schiefertafelflügeln rechts und links.

Ob kombiniert oder nicht, die Verkaufskurve der interaktiven Wandtafeln flacht ab. Manche Lieferanten sprechen sogar von Stagnation. Dabei haben sie sich in Schulzimmer in englischsprachigen Ländern längst etabliert. Der Preis oder dass die Wandtafel-Software auch mal abstürzt, können also nicht die Hauptgründe dafür sein, dass die Boards zehn Jahre, nachdem sie auf den Markt kamen, im deutschsprachigen Raum den Durchbruch noch nicht geschafft haben.

Es hapert daran, dass es keine schweizweite oder zumindest kantonale Strategie für die Etablierung der neuen Technik gibt. Ein wichtiger Punkt ist aber auch: Fast keine Lehrmittel sind vollständig digitalisiert. Wer wie Ryffel das ganze Potenzial der Boards nutzen will, muss mühsam einzelne Seiten einscannen und die Übungen von Hand interaktiv machen. Wie in Ryffels Französisch-Stunde: Die Schüler konnten an der Wandtafel «l’étui» oder «la règle» an den richtigen Ort im eingeblendeten Bild verschieben – weil die Lehrerin die Folie gescannt und die Wörter in ein Programm der interaktiven Wandtafel eingetippt hatte.

Zu Lehrmitteln liefern die Verlage heute meist Online-Übungen oder CD-ROMs. Aber es gibt beispielsweise noch kaum vollständig digitalisierte Mathe-Bücher, die man am e-Board zeigen und die Übungen darin direkt bearbeiten könnte. Ein Pionierwerk ist erst in diesem Sommer für die Sekstufe vom Lehrmittelverlag Zürich erschienen.

Warum beackern die Lehrmittelverlage diesen Bereich nicht schneller? Man habe es lange kommen sehen, sagt der IT-Verantwortliche eines Verlages. Aber viele hätten gefunden, man müsse nicht pressieren. Einerseits fürchten Verlage, dass die Lehrmittel digital wild weiterverbreitet werden. Ein Lizenzsystem muss erst mal geschaffen werden. Andererseits ist die Digitalisierung aufwendig und die Margen werden damit kleiner als beim Verkauf von Büchern.

Nun kommen die Verlage nicht länger drumherum. Der Schulverlag Plus hat sein neues Franz-Buch digitalisiert. Bei Klett und Balmer heisst es: «Wir sind intensiv dran.» Vielleicht müssen die Schulen, die ihre interaktiven Tafeln voll nutzen wollen, also nicht mehr lange Seite für Seite scannen.

Lehrerin Ryffel sagt, sie mache den Zusatzaufwand gerne, weil sie sehe, wie gut die Schüler an der Wandtafel arbeiten. «Die Kinder starren nicht ins Buch, sondern alle sehen, wie es geht, wenn sie mir zuschauen», sagt sie. Das sei kein Frontalunterricht, sondern echtes gemeinsames Lernen. Die Schüler stünden oft selbst an der Tafel.

Und Ryffel ist überzeugt, dass es wichtig ist, möglichst vieles zu visualisieren, damit Wissen haften bleibe. An der interaktiven Wandtafel lassen sich geometrische Körper verändern und schnell ist ein Filmchen gefunden, das zeigt, wie ihr ausgestopfter Piranha in natura schwimmt. Wo etwas nur gezeigt werden muss, findet Ryffel die bedienbare Tafel immer noch besser als Beamer und Compi. «Es wirkt ganz anders, wenn ich vor der Klasse stehe, als wenn ich irgendwo hinter dem Compi sitze und die Schüler der Maus folgen müssen», findet sie.

Zunehmende Digitalisierung
Viele der angefragten Fachleute sagen: «Ein guter Unterricht ist nicht von der Technik abhängig, sondern vom Lehrer.» Thomas Kuster, Marketingleiter bei Mobilwerke, einem grossen Lieferanten von interaktiven Wandtafeln, widerspricht nicht, aber er sagt auch: «Ich bin Vater von drei Söhnen, die in einer Welt aufwachsen, die sich immer mehr digitalisiert. Das muss doch in der Schule abgebildet werden. Und wenn die Schüler einst die Hausaufgaben über ihr Smartphone empfangen, dann braucht es ein zentrales Medium im Schulzimmer.»

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