Das Szenario sah zwei nationale Krisen vor. Zunächst sorgte eine Cyberattacke auf die Stromwirtschaft für einen totalen Stromausfall in der Schweiz über 48 Stunden. Danach herrschte über zwölf Wochen eine Mangellage: Es standen nur 70 Prozent des benötigten Stroms zur Verfügung. Parallel dazu griff eine Grippepandemie um sich. Sie infizierte zwei Millionen Schweizer, sorgte für 40 000 Hospitalisierte und für 8000 Todesfälle.

Das waren die Szenarien der Sicherheitsverbundsübung (SVU) 2014, die im November durchgeführt worden war. Es war die erste landesweite Übung des Krisenmanagements seit 17 Jahren. Beteiligt waren Bund, Kantone, Städte wie Zürich, Winterthur, Lausanne und Luzern, die Betreiber kritischer Infrastrukturen und die Armee. Der Gesamtbundesrat hatte Innenminister Alain Berset eigens als Krisenmanager bestimmt. Auch die Bundesräte Ueli Maurer und Simonetta Sommaruga nahmen teil.

«Eine Epidemie könnten wir bewältigen», sagt Toni Frisch, SVU-Projektleiter und ehemaliger Leiter humanitäre Hilfe des Bundes. Zu dieser Überzeugung sei er nach der Krisenübung gekommen. Anders schätzt er die Situation beim Strom ein. «Die Auswirkungen einer länger dauernden Strommangellage haben viele massivstens unterschätzt. Gott sei Dank spielten wir das endlich durch.»

Für den Schlussbericht, den Frisch Ende April dem Bundesrat und den Regierungsräten unterbreitet, macht er verschiedene Empfehlungen. Vor allem rückt er den Notvorrat wieder ins Bewusstsein der Schweizer. «2,5 Millionen Schweizer Haushalte sollten wieder 10 Kilo Notvorrat anlegen, wie man das früher gemacht hat», sagt Frisch. Die Haushalte sollten Reis, Salz, Konserven, Trockenfleisch, Knäckebrot, Wasser und eine Taschenlampe als Notvorrat an Lager haben. Dies werde er empfehlen, sagt Frisch. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat dazu das Merkblatt «Kluger Rat – Notvorrat» herausgegeben.

«Meine Hauptsorge sind Güter des täglichen Bedarfs.» Im Detailhandel werde heute ein Grossteil der Güter «just in time» geliefert. Die meisten Grossverteiler und Detailhandelsgeschäfte wären bei einem längeren Stromausfall «schon nach zwei Tagen ausgeschossen», glaubt er. Zudem seien Tiefkühllager innerhalb von vier bis fünf Stunden aufgetaut. «Es geht deshalb darum, die Menschen zu sensibilisieren, das Bewusstsein für eine solche Situation zu schärfen, um Panikkäufe zu verhindern.»

Ebenfalls empfehlen wird Frisch, eine unterschätzte Gefahr vertieft zu prüfen: mögliche Schadenersatzforderungen von Nachbarländern wegen verschmutzten Wassers. Bei einer länger dauernden Strommangellage würden Abwasserreinigungsanlagen ohne Notstromversorgung nach rund fünf Stunden nicht mehr funktionieren, hat Frisch festgestellt. Somit käme Abwasser in Flüsse wie den Rhein. «Das Wasser wäre derart verschmutzt, dass man es mit vernünftigem Aufwand nicht mehr trinkbar machen könnte», sagt Frisch. Für die Schweiz, die überallhin Wasser liefere, könne das «zu einem gewaltigen Problem werden» – wegen möglicher Schadenersatzforderungen.

Die dritte Empfehlung betrifft Orientierung und Information der Bevölkerung. «Die Alarmierung muss garantiert sein», sagt Frisch. Es frage sich, ob alle Sirenen bei einem längeren Stromausfall funktionierten – trotz Batterie und Überbrückung. In dieser Situation müsse man das Rad vielleicht um 20 Jahre zurückdrehen und auf bewährte Dinge setzen wie Flugblätter und Plakate.

Eine moderne Gesellschaft wie die Schweiz sei sehr abhängig von Strom, sagt Toni Frisch. Eigentlich könne sich die Schweiz wirtschaftlich einen Ausfall gar nicht leisten. «Er kostet zwischen 2 bis 4 Milliarden pro Tag.»

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