VON CHRISTIAN DORER UND FLURINA VALSECCHI

«Alles ist sehr schnell gegangen.» Dies sagte Andreas Notter gestern vor den Medien in der Residenz des Gouverneurs der philippinischen Insel Jolo. Vor drei Monaten war Notter zusammen mit zwei weiteren IKRK-Mitarbeitern von Rebellen der Abu Sayyaf entführt worden, seit gestern ist er wieder in Freiheit.

«Ich bin immer noch ein wenig durcheinander», berichtete Notter. Er sei glücklich darüber, noch am Leben und in Sicherheit zu sein, erklärte der 38-jährige Lenzburger – und bedankte sich bei allen, die zu seiner Befreiung beigetragen hatten.

Nach Angaben des philippinischen Innenministers Ronaldo Puno haben die Ärzte den Aargauer untersucht und für gesund erklärt. Notter sei erschöpft und möglicherweise noch etwas desorientiert.

richtig freuen kann sich Notter über seine zurückgewonnene Freiheit dennoch nicht. Er mache sich Sorgen um seinen Kollegen Eugenio Vagni, der sich nach wie vor in Geiselhaft befindet und offenbar verletzt ist. Laut Notter leidet der 62-jährige Italiener an einem Leistenbruch und benötigt rasch eine Operation. Dies sagte der Leiter des philippinischen Roten Kreuzes, Richard Gordon.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erneuerte deshalb den Appell an die Entführer, den Italiener sobald als möglich und ohne Vorbedingungen freizulassen.

Notter konnte gestern – wenn auch nur ganz kurz – mit seiner Familie in der Schweiz telefonieren. Seine Angehörigen wurden in der Nacht auf Samstag über die Freilassung informiert; sie sind erleichtert und glücklich.

Allerdings müssen auch sie weiter abwarten, bis sie mehr darüber erfahren, wann Andreas Notter in die Heimat zurückkehren kann und wie es ihm in der Zeit als Geisel ergangen ist. Noch gestern hat Notter die Insel Jolo verlassen und befindet sich an einem anderen Ort auf den Philippinen.

Auch das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegen-heiten (EDA) reagierte erfreut auf die Nachricht, dass Notter wieder in Freiheit ist. «Wir sind sehr erleichtert», sagte EDA-Sprecher Andreas Stauffer. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey befand sich gestern noch auf einer Westafrikareise, sie wurde aber sofort informiert. Die Schweiz verlangt nun, dass auch der letzte noch in Geiselhaft verbliebene IKRK-Mitarbeiter freigelassen wird.

Unklar ist bislang, auf welchem Weg Notter befreit worden ist. Vier Varianten kursieren derzeit:

Polizeiaktion: Der Schweizer sei durch die Polizei befreit worden, sagte der philippinische Regierungssprecher Cerge Remonde. Die Polizisten seien zwei Nächte vor der Be-freiung bis auf einen Abstand von 500 Metern zu den militanten Rebellen vorgerückt.

Armeeaktion: Ein Armeesprecher erklärte gleichentags, dass der Schweizer vom Militär gefunden worden sei.

Von den Rebellen zurückgelassen: Am frühen Samstag haben die Rebellen den Ring von Sicherheitskräften in der Region durchbrechen wollen. Dabei ist alles so schnell gegangen, dass sie Notter zurücklassen mussten.

Selber geflohen: Notter ist aus eigener Kraft die Flucht gelungen. Der philippinische IKRK-Chef Gordon sagte, Notter sei am frühen Samstagmorgen nahe der Stadt Indanan im Innern Jolos zu Fuss unterwegs gewesen, als er aufgefunden wurde.

Das IKRK betonte noch einmal, dass man nie eine Lösegeld-forderung erhalten und auch kein Lösegeld bezahlt habe. Sie dementierte damit auch eine Meldung der philippinischen Armee, wonach die Rebellengruppe für die Freilassung der Geiseln ein Lösegeld verlangt haben soll. Das IKRK bezahle nie Lösegeld, sonst würde man die Sicherheit der Mitarbeiter in vielen Ländern, auch auf den Philippinen, gefährden.