Wenn die Verzweiflung am grössten ist, wenden sich Väter an ihn: Oliver Hunziker, Präsident des Dachverbands für gemeinsame Elternschaft, hat viele Männer in ihrem Kampf begleitet. Sie kämpfen nach einer Trennung um ein Besuchsrecht. Sie wollen Vater sein, nicht nur eine Erinnerung. Doch manchmal werden sie das.

Um die Rechte der Väter zu stärken, lanciert Hunziker nun gemeinsam mit mehreren Väter- und Elternorganisationen aus allen Landesteilen ein neues Konzept: das Familiengericht. Dabei kämen nur Richter zum Einsatz, die speziell auf Familienrecht, Mediation und Psychologie geschult sind. «Es ist etwas komplett anderes, wenn ein Richter über einen Diebstahl oder einen Grundstückstreit entscheidet als über die Zukunft einer Familie», sagt Hunziker. «Der Beschluss ist viel emotionaler und einschneidender für Eltern und Kinder.»

Hunziker erinnert sich an einen Mann aus Solothurn: Anfang 40, guter Job, Vater von Zwillingen. Als sich seine Freundin von ihm trennte, waren die Kinder zwei Jahre alt. Er wollte seine Zwillinge sehen, jede Woche. Doch die Mutter hatte andere Pläne. Sie warf ihm vor, die Kinder zu schlagen. Das Gericht wies die Klage ab. Sie warf ihm vor, die Kinder zu missbrauchen. Das Gericht wies die Klage ab. Der Solothurner erhielt ein Besuchsrecht. Doch wenn er die Zwillinge fürs Wochenende abholen wollte, war die Mutter nicht dort. Also pendelte er zwischen Gericht, Obergericht und Vormundschaftsbehörde. Jahrelang. Heute sind die Kinder 10 Jahre alt. Sie haben ihren Vater nie wieder gesehen.

Vielleicht wäre es mit einem Familiengericht anders gekommen. Neben einem eigens geschulten Richter würden am neuen Gericht alle Parteien unter einem Dach vereint: Richter, Anwälte, Sozialarbeiter, Psychologen und forensische Gutachter. «Dann ist auch die Zuständigkeit geklärt», sagt Hunziker. Statt bei verschiedenen Ämtern, die parallel an einem Fall arbeiten, läge die Entscheidungsgewalt beim Familiengericht. Das Vorbild stammt aus dem deutschen Cochem, einem 5000-Seelen-Dorf in Rheinland-Pfalz. Ein Familienrichter initiierte das Modell bereits 1992. Seither findet es weltweit Nachahmer.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zielt in erster Linie darauf, einen langwierigen Sorge- und Umgangsrechtsstreit zu verhindern. «Wenn alle Parteien gemeinsam nach einer Einigung suchen – ohne Beschuldigungen –, findet man in der Regel bessere Lösungen», sagt Hunziker. Davon würden besonders die Kinder profitieren. Eine Vorstufe des Familiengerichts gibt es bereits im Kanton Aargau. Dort arbeiten Juristen ebenfalls mit Psychologen und Sozialarbeitern zusammen. Die Entscheidungsgewalt geht aber weniger weit als im deutschen Modell.

Unterstützt wird Hunziker unter anderem vom Verein für elterliche Verantwortung oder der Selbsthilfeorganisation «Mannschafft». In den nächsten Wochen und Monaten will die dafür vorgesehene Task-Force das Familiengericht in die öffentliche Debatte einbringen – über die Medien oder mithilfe von Parlamentariern. Erste Gespräche wurden bereits geführt. «Wir überlegen uns verschiedene Varianten», sagt Hunziker, «auch eine Volksinitiative ist denkbar.»

Es wäre nicht die einzige. Zuletzt kämpf- ten Väter an mehreren Fronten. Am weitesten ist die Volksinitiative für einen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Die Dachorganisation Travail Suisse startet die Unterschriftensammlung voraussichtlich Anfang Mai. Mindestens 20 Tage sollen Väter künftig nach der Geburt zu Hause verbringen dürfen. In den vergangenen zehn Jahren scheiterten im Parlament zwei Dutzend Anträge für einen Vaterschaftsurlaub. Eine Volksinitiative sei deshalb der logische Schritt, schreibt Travail Suisse. Politiker aus verschiedenen Lagern haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth will bei der Unterschriftensammlung helfen. Der Jungvater setzte sich wiederholt für eine ausgedehnte Elternzeit ein. «Die Schweiz ist diesbezüglich ein Entwicklungsland», sagt er.

Das gemeinsame Sorgerecht gilt hierzulande seit 2014. Das Obhutsrecht hingegen – also wo das Kind wie viele Tage in der Woche wohnt – wird aber erst noch geklärt. Ab 2017 ist es möglich, einen Antrag auf alternierende Obhut zu stellen. Kinder sollen dann zu gleichen Teilen bei Mutter und Vater wohnen.

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