Alle wollen sie ein Selfie mit ihr. Als Angela Merkel vor einem Jahr in Berlin ein Asylbewerberzentrum besuchte, standen die Flüchtlinge Schlange für ein Selbstporträt. Die Kanzlerin machte mit. Und die Bilder, die sich viral übers Netz verbreiteten, wurden zum Symbol für die Willkommenskultur Deutschlands. «Es funktioniert wie eine Facebook-Party, die völlig aus den Fugen gerät, weil statt 50 Gästen plötzlich 5000 kommen», kommentiert «Die Welt».

Welchen Einfluss die Bilder der «Selfie-Kanzlerin» auf die Flüchtlingsströme wirklich gehabt haben und nach wie vor haben, lässt sich kaum eruieren. Unumstritten ist, dass die Menschen, die nach Europa fliehen, fast ausschliesslich mit Smartphones ausgestattet sind. Sie sehen die Selfies in den sozialen Medien. Sie wissen aber auch, was sie erwartet, welche Route zu bevorzugen und welches Land zu meiden ist. Während die physischen Grenzen in Europa vermehrt geschlossen werden, lassen sich die digitalen im Cyberspace mit einem Klick überwinden. «Europa ist von nirgendwoher mehr ein fremdes, fernes Land. Jeder kann sich über alle Details informieren», sagt Simon Hegelich, Professor für politische Datenwissenschaft an der Technischen Universität München.

Mag sein, dass sich einige Flüchtlinge deshalb eher für Deutschland entscheiden, wenn die Kanzlerin in den sozialen Medien von Syrern zur «mitfühlenden Mutter Merkel» stilisiert wird. «In der Regel wollen Menschen dorthin, wo sie bereits Familie und Verwandte haben», sagt Marit Neukomm, Flüchtlingshelferin und Gründerin der Hilfsorganisation Volunteers for Humanity.

Strom ist wichtiger als Essen
Über Facebook, Whatsapp und andere Kommunikations-Apps halten die Flüchtlinge den Kontakt zu ihrer Familie zu Hause. «Ich höre meine Familie ungefähr einmal im Monat», sagt Kheder Muhyeddin. Der 33-jährige Syrer ist seit knapp einem Jahr in der Schweiz und lebte jetzt in der Asylunterkunft neben dem Kantonsspital Baden. Es sei sehr schwer, seine Familie in der syrischen Kleinstadt Afes zu erreichen, da sie selten Empfang hätte. Er schreibt eine Nachricht mit Whatsapp und hört bis zu drei Wochen nichts. Muhyeddin hat ein gebrauchtes HTC-Handy, für ein neueres fehlt ihm das Geld. Sein altes Handy hat er mit seinem Pass auf seiner Flucht von der Türkei nach Griechenland im Meer verloren. Zum Glück weiss Muhyeddin die Nummern seiner Familienmitglieder auswendig. Doch die Fotos von seiner Familie sind alle weg.

Den Kontakt mit ihren Familien und Freunden suchen auch viele Flüchtlinge, die sich in Zürich Altstetten am Bahnhof versammeln. Im Asylzentrum erhalten sie eine Stunde pro Tag Internetzugang. Am Bahnhof vor der Migros gibt es den ganzen Tag kostenlos WLAN. Wael Tamim, ein 38-jähriger Mann aus Pristina, schaut wie alle Menschen um ihn herum unentwegt auf seinen Bildschirm. «Meine drei Kinder leben mit meiner Frau in Dänemark. Ich habe sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen», sagt Tamim.

Geradezu überlebenswichtig ist das Mobiltelefon auf der Flucht selber. «Neben den Kleidern ist das Handy der wichtigste Gegenstand», sagt Marit Neukomm, die in einem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos gearbeitet hat. «Noch ehe neu angekommene Flüchtlinge trocken sind und neue Kleider haben, wollen sie ihr Handy aufladen», erzählt die Flüchtlingshelferin. Ohne wagt es kaum mehr jemand. «Ich glaube, ohne Facebook und Google Maps wäre ich nicht in Deutschland angekommen», erklärte der Syrer Mohammad Khalefeh auf einer Social-Media-Tagung in Hamburg.

Eine Untersuchung in einem Flüchtlingscamp in Jordanien ergab, dass 89 Prozent der Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. 85 Prozent verfügen auch mindestens über eine SIM-Karte. Da diese Prepaid-Karten wegen der hohen Roaming-Gebühren nicht in ganz Europa genutzt werden können, muss in jedem Land eine neue gekauft werden. «Manchmal erstehen mehrere Flüchtlinge zusammen eine Karte, die sie sich teilen», sagt Katja Kaufmann. Die Kommunikationswissenschafterin hat eine der ersten Studien zur Smartphone-Nutzung von Flüchtlingen geleitet. «Mehrere der von uns interviewten Syrer haben berichtet, dass für sie auf der Reise Strom wichtiger war als Essen», sagt die Forscherin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Sobald sich die Batterie zu leeren beginne, würden die Flüchtlinge nervös werden.

Keine rosaroten Bilder
Am wichtigsten, so ergab die Untersuchung, erachten die Menschen auf der Flucht die GPS-Funktion des Smartphones. Diese benötigt keine Internet-Verbindung. Wenn man sich im Voraus Offline-Karten aufs Handy lädt, lässt sich damit sehr gut navigieren. Auch auf dem gefährlichen Seeweg kann man sich damit orientieren, weiss, ob man die Meeresgrenze schon passiert hat oder nicht. Und vor allem kann man auch die Schlepper kontrollieren, ist ihnen nicht wehrlos ausgeliefert, man merkt, wenn die Reise plötzlich in eine andere Richtung geht.

Essenziell ist aber auch Facebook. Auf dem sozialen Netzwerk organisieren sich die Flüchtlinge in Gruppen, versorgen sich mit Informationen und Tipps. «Schmuggle dich selber ohne Schlepper nach Europa», heisst eine dieser Gruppen. Nur noch für die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland würden die Flüchtlinge heute noch die Dienste von Schleppern nutzen, erklärt der Entwicklungs- und Flüchtlingshelfer Mohamed Haj Ali der «New York Times». Die neue Selbstständigkeit der Flüchtlinge schadet dem Geschäft der Schlepper. Die Preise seien teils um die Hälfte gesunken, weiss Ali.

Doch auch mit einem Handy bleibt die Flucht lebensgefährlich. Die detaillierten Informationen, die sich die Menschen in Syrien, Afghanistan und Eritrea besorgen, führen allerdings dazu, dass sie ein realistischeres Bild erhalten von den Risiken einer Flucht und den Schwierigkeiten, sich in Europa zu integrieren.

Deshalb ist die Kommunikationswissenschafterin Kaufmann der Auffassung, dass die Nachrichten und Bilder jener, die es nach Europa geschafft haben, nicht automatisch zu einer Zunahme der Flüchtlingsströme führen. Letztlich würden sich dieselben Menschen auf die Flucht begeben, die es auch sonst gewagt hätten und die das nötige Geld dazu haben. Ähnlich sieht es der Politikwissenschafter Hegelich: «Es ist unwahrscheinlich, dass einerseits Detailkenntnisse über Fluchtwege und den richtigen Umgang mit den Behörden vermittelt werden, gleichzeitig aber ein rosarotes Bild von Europa transportiert wird.»

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