VON OTHMAR VON MATT

Herr Schir-On, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Bild vom Treffen des Schweizer Präsidenten Hans-Rudolf Merz mit Irans Staatspräsident Machmud Achmadinedschad sahen?
Aviv Schir-On: Als Israeli, der von Achmadinedschad be-droht wird, von der Landkarte getilgt zu werden, war ich enttäuscht. Und als Jude – Achmadinedschad ist einer der grössten Holocaust-Leugner – hat es mich geschmerzt.

Das Lachen von Merz besonders?
Ich bin Berufsdiplomat. Empfängt der Schweizer Bundes-präsident einen Gast, gehört ein Lachen dazu. Aber das Treffen an sich war total falsch.

Merz musste Achmadinedschad empfangen, da dieser Gast der UNO war.
Auch der amerikanische Präsident empfängt nicht jeden Staatschef, der zu einer UNO-Konferenz nach New York kommt. Er kann ihn empfangen, muss dies aber nicht. Bei Achmadinedschad hätte das «muss nicht» stärker sein sollen als das «kann».

Die USA stufen den UNO-Sitz in New York als extraterritoriales Gebiet ein. Genf ist aber Teil der Schweiz.
Glaubt die Diplomatie, ein Treffen sei nicht opportun, gibt es Wege, dies entsprechend zu handhaben. Im Fall Achmadinedschad sahen das viele wichtige Länder so. Und zwar nicht etwa Hinterbänkler der internationalen Gemein-schaft: die ganze EU und Länder wie die USA, Australien und Kanada.

Dass die Schweizer Delegation während Achmadi-nedschads Rede im Saal blieb, hat Israel zusätzlich verstimmt?
Richtig. Die Schweiz hatte die Gelegenheit, das Treffen und die Teilnahme an der Konferenz wieder gutzumachen. Sie hätte zumindest ein positives Signal setzen können. Aber die Schweiz hat auch diese Chance verpasst. Und übrigens hat das Treffen mit Achmadinedschad nicht nur in Israel Irritationen ausgelöst.

Welche Länder waren noch irritiert?
Länder, die im Voraus erklärt hatten, nicht nach Genf zu kommen – weil Achmadinedschad der höchstrangige Redner der Konferenz war.

Das heisst: Israels Botschafter wäre noch in Bern, hätte die Schweizer Delegation den Saal verlassen?
Das hätten wir uns überlegen müssen. Immerhin wäre dann in Israel klar gewesen, dass die Schweiz nicht damit einverstanden ist, was Achmadinedschad vertritt. Das Verbleiben half aber nicht, die Irritation beizulegen.

Wie nachhaltig ist das Verhältnis zwischen der Schweiz und Israel gestört?
Es ist ein Tiefpunkt. Ich glaube und hoffe aber, dass unsere Beziehungen stark genug sind, wieder aus dieser Talsohle herauszukommen. Als Diplomat und ehemaliger Botschafter in der Schweiz weiss ich, dass die Beziehungen solide sind. Es gibt gemeinsame Interessen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Natur. Wir haben gute menschliche Kontakte über den Sport, Geschäftsleute und Touristen. Wir sind Freunde, und gerade deshalb schmerzt ein solches Ereignis besonders.

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