VON NADJA PASTEGA UND SARAH WEBER

Seit bald einem Jahr ist die umstrittene neue Kindersitzpflicht in Kraft: Kinder, die kleiner als 1,50 Meter sind, müssen bis zum 12.Altersjahr in einem speziellen Kindersitz chauffiert werden. Zuvor galt das Obligatorium bis ins Alter von 7 Jahren. Die neue Verkehrsregel trat am 1. April in Kraft. Wer dagegen verstösst, wird mit 60 Franken gebüsst – und das rigoros, wie sich jetzt zeigt.

Im Kanton Zürich verteilte die Polizei seit April bis Anfang Februar bereits «rund 500 Bussen wegen Mitführens eines nicht gesicherten Kindes», sagt Werner Schaub, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich. Das sind fast zwei Strafzettel pro Tag. Die Bussen würden im Rahmen der normalen Kontrolltätigkeit verteilt, so Schaub.

Kein Pardon gibt es auch im Kanton Basel-Stadt. Mit dem neuen Kindersitzzwang hat sich die Zahl der Bussen beinahe verdoppelt. «2010 gab es 127 Bussen wegen Mitführens eines nicht gesicherten Kindes, 2009 waren es 68 Bussen», sagt Martin Schütz, Sprecher der Kantonspolizei Basel-Stadt. Die meisten Strafzettel seien von April bis September verteilt worden. «Im Oktober ist es deutlich zurückgegangen», so Schütz.

Auch in anderen Kantonen greifen die Ordnungshüter durch. Im Kanton Aargau büsste die Polizei letztes Jahr 530 Automobilisten, weil die Sprösslinge nicht vorschriftsmässig im separaten Sitz festgezurrt waren. Berner Polizisten zückten 352-mal den Bussenblock, in St.Gallen war das 195-mal der Fall. Die verschärfte Verkehrsregel werde aber insgesamt gut akzeptiert, heisst es in St. Gallen.

Doch das gilt längst nicht überall. Der Zürcher FDP-Nationalrat Markus Hutter, Vizepräsident der Verkehrskommission, kritisiert den Bussenwahn. «Ich finde es ausserordentlich unsensibel von der Polizei, dass sie das so extensiv kontrolliert.» Man werde im Parlament «sicher darauf drücken, dass man Ausnahmen macht». Hutter hat vor allem Sportvereine im Visier. Tatsächlich stellt das Kindersitz-Gesetz die Juniorenklubs bei Auswärtsspielen vor logistische Probleme.

Bereits haben Vereine wie der Berner Fussballclub Breitenrain die Eltern mit Merkblättern gemahnt: «Sollte ein Kind ohne den Sitz beim vereinbarten Treffpunkt erscheinen, können wir das Kind nicht an das Auswärtsspiel mitnehmen und auch nicht weiterbetreuen.»

Der Sesselzwang ist für CVP-Nationalrat Gerhard Pfister, Vizepräsident der IG Freiheit, ein Beispiel, «wie die Eigenverantwortung eingeschränkt wird». Die Bussen würden zeigen, dass die Vorschrift beim Volk nicht angekommen sei. «Der Schutz von Kindern gehört klar zur Verantwortung der Eltern, das kann man nicht über ein Gesetz erzwingen.»

Das findet auch Maya Mulle, Geschäftsführerin von Elternbildung Schweiz: «Man will immer mehr reglementieren.» Doch die behördlich verordneten Vorschriften seien zum Teil realitätsfremd: «12-Jährige kommen in die Pubertät – sie wollen nicht unbedingt im Kindersitz sitzen.»

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