NEUER BABYBOOM

Nach dem Aufwärtstrend im vergangenen Jahr setzt sich diese Entwicklung fort: Im zu Ende gehenden Jahr steigt die Zahl der Geburten auf ein Neun-Jahres-Hoch.

VON CLAUDIA MARINKA

Welch schöne Bescherung: Die Schweizerinnen und Schweizer haben in diesem Jahr für so viel Nachwuchs gesorgt wie seit neun Jahren nicht mehr. Von Januar bis Oktober 2009 kamen laut den provisorischen Zahlen des Bundesamtes für Statistik 65 200 Kinder auf die Welt. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 waren es in derselben Zeitspanne 64 502. Auf das gesamte laufende Jahr hochgerechnet ergibt das eine Geburtenzahl von insgesamt 78 240 – das sind 1549 Geburten mehr als noch im vergangenen Jahr. Seit 2000 ist dies die höchste Geburtenzahl.

Den Trend bestätigen alle Schweizer Grossstädte: In der Stadt Zürich kamen bis zum dritten Quartel 1132 Babys zur Welt – 83 mehr als im vergangenen Jahr und 113 mehr als noch vor zwei Jahren. Auch in der Stadt Basel ist die Zahl der Neugeborenen in die Höhe geschnellt: 1763 waren es von Dezember 2008 bis November 2009 (+72). Ebenso verzeichnet das Statistische Amt der Stadt Bern einen Geburtenzulauf: Im Zeitraum von Januar bis November kamen 1324 Kinder zur Welt (+109). «Das ist natürlich erfreulich», kommentiert Mitarbeiter Thomas Weber diese Entwicklung, «mit ein Grund sind sicherlich auch die stark gewachsenen Ausländergruppen, insbesondere aus Serbien-Montenegro, der Slowakei und der Ukraine.»

Eine erstaunliche Entwicklung angesichts der Tatsache, dass sich die Beschäftigungslage in der Schweiz verschlechtert hat und die Angst um die Arbeitsplätze zugenommen hat. Doch nur auf den ersten Blick. «Fürs Kinderkriegen herrscht jetzt wohl wieder Konjunktur. Man gibt dem Gefühl, eine Familie zu gründen, wieder stärker nach. Das mag mit den unsicheren Zeiten zusammenhängen. Man besinnt sich auf traditionelle Werte», meint Dominique Grisard, Historikerin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel.

Sie warnt jedoch vor einer allzu grossen Euphorie. Einen markanten Wachstumsschub dürfe man deshalb nicht erwarten. «Zurzeit steigt die Geburtenrate, aber sie wird nicht signifikant höher werden», prognostiziert Grisard. Gerade auch deshalb, weil Frauen so gut ausgebildet seien und weil viel in der Gleichstellung erreicht wurde. «Ich sehe eher eine Veränderung insofern, als mehr Frauen in höhere Berufspositionen kommen und dafür mehr Männer Erziehungsarbeit leisten», sagt sie. Grundsätzlich gelte: «Gut ausgebildete Frauen suchen weiter eine Arbeit, weniger gut ausgebildete liebäugeln mit der Zeit mit einem Kind.»

Tatsächlich gehören auffallend viele Schweizerinnen ab 35 zu den Erstgebärenden. Die 25- bis 29-Jährigen bekamen in den letzten zehn Jahren ein Drittel weniger Kinder, obwohl sie im besten Gebäralter sind. Wenn Frauen ihr erstes Kind erwarten, sind sie heute im Schnitt 30 Jahre alt. Am meisten Kinder bekommen Frauen zwischen 30 und 35.

Mit ein Grund für die steigende Geburtenzahl ist sicher auch die Verbesserung bei der Schaffung von Krippenplätzen, obschon das derzeitige Angebot an Fremdbetreuung die bestehende Nachfrage noch lange nicht zu decken vermag. So fehlen in der Schweiz, laut Schätzung des Bundesamts für Statistik, Plätze für 120 000 Kinder: 40 Prozent der Kinder zwischen 7 und 14 Jahren seien in der schulfreien Zeit nicht oder ungenügend beaufsichtigt.

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