Ginge es nach den Zürcher Katholiken, dann bekämen sie bald ein eigenes Bistum. Und auch Genf liebäugelt mit einer Diözese. Der Unabhängigkeitswunsch aus den beiden grössten Städten befeuert die Diskussion um eine komplett neue Einteilung der Bistümer in der Schweiz. Bereits 1986 hat eine Kommission im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) Varianten für eine neue Gliederung ausgearbeitet. Jetzt machen sich die Bischöfe erneut Gedanken dazu. Das bestätigt SBK-Sprecher Walter Müller.

Die grosse Frage, die sich die Bischöfe derzeit stellen: «Sollen wir ein gesamtschweizerisches Projekt anpacken und ganz neue Bistumsgrenzen ziehen? Oder pragmatisch vorgehen und erst einmal ein Bistum Zürich und Genf angehen?», sagt Müller. Bei einem Grossprojekt würden aus sechs Diözesen neun. Es gäbe neu je ein Bistum Zürich, Genf und Luzern. Ebenfalls würden einige Kantonalkirchen neuen Bistümern zugeteilt. Beispielsweise Thurgau, Schaffhausen oder Zug. «Vermutlich wären Einzelschritte einfacher umzusetzen», sagt Müller. Doch noch sei nichts entschieden.

So oder so: Die Zürcher freut es, dass es vorwärtsgeht. «Ein Bischof hier vor Ort würde besser spüren, welche Bedürfnisse die Zürcher Katholiken haben», sagt Benno Schnüriger. Er ist Präsident des Synodalrats, der Exekutivbehörde der Zürcher Landeskirche. Anders als zu Beginn des 19. Jahrhunderts leben heute viele katholische Gläubige im urbanen und evangelisch geprägten Raum Zürich. Ihre Lebenssituationen und ihre Frömmigkeit ist aber eine andere als auf dem Land. Schnüriger ist deshalb überzeugt, dass ihre Stimme in der Bischofskonferenz gehört werden sollte.

Der Graben zwischen den Zürcher Katholiken und ihrem erzkonservativen Bischof Vitus Huonder in Chur hat sich in den vergangenen Jahren vertieft. Trotzdem betont Schnüriger: «Unsere Forderung hat weniger mit dem Bischof zu tun als mit der Tatsache, dass wir Chur nur provisorisch angehören.» Seit 1821 das Bistum Konstanz aufgelöst wurde, verwaltet Chur Zürich. «Es wäre ein Geschenk, wenn wir 200 Jahre später ein eigenes Bistum bekämen», so Schnüriger.

Bei dem Wunsch ein Wörtchen mitzureden hat Oberhirte Huonder. Offiziell hat er sich noch nie zu einem Bistum Zürich geäussert. Doch Huonder hat ein Dossier mit Pro- und Kontra-Argumenten verfasst und es an den Heiligen Stuhl weitergeleitet.

Die Antwort steht noch aus. Hoffnung schürt der Churer Generalvikar Martin Grichting. Kürzlich sagte er: «Aus pastoralen Gründen macht es Sinn, dass sich ein Bischof vor Ort gerade um die jungen, lebendigen Migrantengemeinden kümmert.» Es brauche gegebenenfalls einen Bischof, der aus diesen Reihen stamme.

Die Wahl des Bischofs dürfte sich allerdings als Knackpunkt erweisen. In der Regel werden Bischöfe vom Papst ernannt, doch die Zürcher wollen ein altes Recht wieder beleben und selber einen Dreiervorschlag nach Rom schicken, aus dem Papst Franziskus einen Bischof ernennen kann. «Somit wäre gewährleistet, dass dieser eine breite Abstützung in seinem Bistum hat», sagt Schnüriger.

In Genf geht die Initiative für eine neue Aufteilung von Bischof Charles Morerod aus. Er ist für 700 000 Gläubige verantwortlich. Zu viele, findet er. Deshalb fasst er ein Bistum Genf ins Auge. Nach Ostern will Morerod alle Priester, Diakone und Pastoralassistenten befragen, was sie von einer Aufteilung der Diözese halten und ob Genf mit 171 100 Gläubigen ein eigenes Bistum erhalten soll.

«Im Moment ist alles offen. Die Umfrage wird entscheidend sein», sagt Alain de Raemy, Weihbischof von Lausanne, Genf und Freiburg. Und fügt an: «Dass Genf als wichtigste internationale Stadt der Schweiz auch ein eigenes Bistum hat, macht Sinn.» So könne der verantwortliche Bischof auf die Sorgen und Nöte der städtischen Gläubigen eingehen.

Mit der Neueinteilung der Bistümer intensiv auseinandergesetzt hat sich Philippe Gardaz. Der Oberrichter und Lehrbeauftragte der Universität Freiburg sagt: «Der Sitz der Bischöfe ist meist in ländlichen und grenznahen Regionen.» Ein Hirte solle aber umringt sein von seinen Schäfchen. «Das ist auch eine Forderung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das einheitliche und zusammenhängende Diözesen anstrebt.»

Dass die Zürcher bis 2021 einen eigenen Bischof haben werden, erachtet er als «möglich». Vor allem, weil die jetzige Lösung eine provisorische ist. Sein Bedenken: Können die Zürcher bei der Bischofswahl nicht mitreden, komme es erneut zu unnötigen Richtungskämpfen zwischen der Basis und den Oberen.

Grössere Skepsis hat Gardaz bezüglich Genf. «Das Einzugsgebiet der Gläubigen endet nicht an der Genfer Kantonsgrenze.» Es werde schwieriger, hier eine geeignete Einteilung vorzunehmen. Ebenfalls hätte Genf, wo Kirche und Staat getrennt seien, weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Offen ist auch, wie die anderen Kantonalkirchen auf eine neue Einteilung reagieren würden.

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