2010 beriet der Ökonom Bruno Müller-Schnyder noch die Nationalbank zu Mindestkursen. Mit dem damaligen SNB-Präsidenten Philipp Hildebrand und seinem Vize Thomas Jordan diskutierte er in einem Kolloquium das Thema. Heute hält Müller-Schnyder die Aufhebung des Mindestkurses für einen eklatanten Fehler. «Die SNB hat damit nicht nach ihrem gesetzmässigen Auftrag gehandelt.»

Das SNB-Direktorium rechtfertigte den Mindestkurs jeweils mit dem gleichen Argument. Dass es mit dessen Verteidigung ein unkontrollierbares Risiko eingegangen wäre. Die Bilanz hätte sich verdoppelt und sei damit zu einem nicht tragbaren Risiko für die Notenbank geworden.

Müller-Schnyder, der mehrere Jahre in der Devisenabteilung der SNB arbeitete, hält von diesem Argument nichts. Er könne beim besten Willen kein unkontrollierbares Risiko erkennen. Müller-Schnyder, der auch für die Coutts Bank, das vielleicht älteste Geldhaus der Welt, als Chief Investment Officer tätig war, sagt: «Die SNB hätte den Wert der Devisen, die sie mit Franken gekauft hätte, problemlos absichern können.»

So sei der Markt für amerikanische Staatsanleihen mehr als gross genug für solche Investitionen. Für das Risiko, dass sich der Dollar gegenüber dem Franken abwertet, hätte man Absicherungen kaufen können. «Und der Euro hätte sich dank des Mindestkurses ohnehin nicht zum Franken abwerten können.»

die Unabhängigkeit der SNB hätte durch Beibehaltung des Mindestkurses in Gefahr geraten können, argumentierten einige Ökonomen. Die hohen Devisenbestände seien riskant und hätten zu hohen, untragbaren Verlusten führen und damit die Unabhängigkeit der Notenbank gefährden können. Müller-Schnyder kontert: «Natürlich wären grosse Verluste ein Risiko gewesen. Aber eben: Man hätte die Devisen problemlos absichern können. Das wäre technisch möglich gewesen.» Dass die SNB dennoch den Mindestkurs aufgab, kann sich Müller-Schnyder nur so erklären: «Das Direktorium muss die Nerven verloren haben.» Die schiere Grösse der nötigen Devisenkäufe habe es in die Irre geführt. «Damit hat das Direktorium leider seine Glaubwürdigkeit verspielt.» Die Schweizer Geldpolitik stecke heute in einer Sackgasse. «Das einzige wirksame Mittel gegen den starken Franken wäre eine Bindung der Währung – durch einen Mindestkurs zum Euro oder einen Währungskorb», sagt Müller-Schnyder. Doch diesen Weg habe sich das Direktorium verbaut. «Sie kann einen neuen Mindestkurs nicht mehr glaubhaft vertreten.»

Die negativen Zinsen würden nicht als Gegenmittel taugen. «Die volkswirtschaftlichen Schäden in der Schweiz sind riesig.» Die Pensionskassen erleiden Verluste, der Immobilienboom erhalte mehr Schub. «Dagegen schmerzt es die Spekulanten viel weniger.» Das wüssten sie. «Sie müssen nur ein wenig langen Atem haben, um damit allmählich die Notenbank in die Knie zwingen.» Die SNB könne die Mindestzinsen nicht allzu lange aufrechterhalten. Direkte Interventionen am Devisenmarkt allein habe die Nationalbank bereits vor der Einführung des Mindestkurses probiert. «Es hat nicht funktioniert. Wie es jeder gute Geldtheoretiker prognostiziert hätte.»

Die SNB werde auch dieses Mal mit ihren Interventionen nicht in der Lage sein, den Wechselkurs wesentlich zu beeinflussen. «Das zeigt die Hilflosigkeit unserer Geldpolitik: Welche Mittel hat sie noch zur Verfügung?» Allfällige Kapitalverkehrskontrollen seien ebenfalls keine Lösung und ohnehin mit der Revision des Nationalbankgesetzes abgeschafft worden.

Mit diesem Direktorium gebe es keinen Ausweg aus der Sackgasse. Daher bleibe nichts übrig als ein Führungswechsel. «Es müssen wieder glaubwürdige Personen ins Direktorium.» Das sei zwar ein schwieriger Weg. Immerhin habe die SNB ein hohes Mass an Unabhängigkeit. Die Direktoren seien für sechs Jahre gewählt. Und nicht zuletzt seien nicht allzu viele Personen für diesen Job geeignet. «Aber ist der Druck hoch genug, wird sich ein Weg finden.»

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