Nicht einmal der eigenen Ehefrau durften Mitarbeiter der Schweizer Nachrichtendienste in den 1990er-Jahren erzählen, was sie während der Arbeit machen. Die Geheimhaltung nach aussen hatte nach Ende des Kalten Krieges höchste Priorität, sagt ein ehemaliger hoher Offizier: «In jedem Büro hing ein Ehrenkodex. Wer in den Dienst eintrat, musste bereit sein, dem nachzuleben.»

Tempi passati. Eine kurze Suche auf den Online-Karriereplattformen LinkedIn und Xing offenbart, dass Mitarbeiter des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) heute weit weniger Hemmungen haben, sich nach aussen zu erkennen zu geben.

Detaillierte Online-Auftritte
Als Erstes sticht das LinkedIn-Profil eines gewissen Mirco Brem* ins Auge: Als Arbeitgeber gibt er den NDB an, wo er als «Fachspezialist ComCenter» arbeitet. Gemäss einem Stelleninserat des NDB sind Mitarbeiter des ComCenters für die Entgegennahme, das Ablegen und das Weiterleiten sämtlicher ein- und ausgehender Informationen aus dem In- und Ausland verantwortlich.

Auffällig ist auch das Profil eines extern angestellten IT-Spezialisten des NDB: Dieser beschreibt, wie er als Programmierer bei der Entwicklung des neuen Datenbanksystems involviert war, in dem der Dienst hochsensible staatsschutzrelevante Informationen verwaltet. Er verrät, welche Programmiersprachen er beim Projekt IASA verwendete, und erwähnt, dass 400 Nutzer Zugriff auf das System hätten, 150 davon gleichzeitig. Der Informatiker ist unter anderem für die Instandhaltung der Datenbank verantwortlich.

Zahlreich sind auch Profile von ehemaligen Nachrichtendienstmitarbeitern: darunter ein Informatiker, der laut seinem Xing-Profil bis 2014 für den NDB im «Application Management» tätig war, zwei ehemalige Praktikanten und ein Anwalt. Ein weiterer Ex-Geheimdienstler berichtet auf seinem Profil ausführlich über seine Tätigkeit beim Strategischen Nachrichtendienst, einem Vorgängerdienst des NDB: Er schildert, wie er 1999 bis 2007 Länderanalysen für den Bundesrat und den Chef der Armee erstellte, und erwähnt seine Erfahrungen in Nachkriegs- und Nachkonfliktregionen. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Armasuisse erklärt auf LinkedIn, schon diverse Beschaffungsprojekte für den «Federal Intelligence Service» betreut zu haben.

Ziel für ausländische Geheimdienste
Die Frage stellt sich: Dürfen sich aktuelle und ehemalige Nachrichtendienstmitarbeiter im Internet unter vollem Namen zu erkennen geben? Machen sie sich damit nicht zu einem gefundenen Fressen für ausländische Geheimdienste? Eine Pressesprecherin des Nachrichtendienstes hält sich auf Anfrage kurz: Es gebe kein konkretes Verbot für NDB-Angestellte, gegenüber Dritten den NDB als Arbeitgeber zu nennen, aber es werde davon abgeraten. Ob die erwähnten Xing- und LinkedIn-Profile diese Empfehlung verletzten, lässt der Dienst offen.

Mehr Klartext spricht der Cyber-Chef des NDB: In einem anonym geführten Interview mit dem «Tages-Anzeiger» zum neuen Nachrichtendienstgesetz sagte er, Mitarbeiter «könnten ein Ziel für ausländische Nachrichtendienste werden, wenn allgemein bekannt wird, für wen sie gearbeitet haben».

Sicherheitspolitiker Balthasar Glättli (Grüne/ZH) pflichtet bei: «Eine Person mit Spezialwissen über IT-Systeme könnte einem ausländischen Dienst Hinweise geben, über welche Angriffsvektoren man in eine Datenbank eindringen kann.» Der Nationalrat sieht die Führung des Nachrichtendienstes in der Pflicht: «Man müsste eine Weisung an die Mitarbeiter erlassen, ihre Arbeitstätigkeit nach aussen nicht bekannt zu geben.»

Für Ständerat Alex Kuprecht (SVP/SZ), Präsident der parlamentarischen Geheimdienstaufsicht, ist klar: «Wir leben heute zwar in einer anderen Zeit, trotzdem ist es ungeschickt, wenn sich NDB-Angestellte in den sozialen Medien tummeln, unabhängig von ihrer Aufgabe.» Dass es kein entsprechendes Verbot gebe, spiele keine Rolle.

Nicht alle Funktionen sind gleich heikel. Mitarbeiter hingegen, die etwa mit Quellen in Kontakt stehen, sind dem Vernehmen nach dringend angehalten, nur das VBS als Arbeitgeber anzugeben. Die Schweiz ist kein Einzelfall: Erfahrungen mit Social-Media-affinen Geheimdienstlern hat auch Belgien. 2012 berichtete «De Staandard» von Nachrichtendienstlern, die sich auf Facebook und LinkedIn zu erkennen gaben.

Was NDB-Direktor Markus Seiler von der ganzen Angelegenheit denkt, ist nicht bekannt. Als Vorbild kann er seinen Angestellten jedenfalls nicht dienen: Er betreibt selber ein LinkedIn-Profil mit über 500 Kontakten im In- und Ausland.

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