VON KATIA MURMANN

An zweieinhalb Tagen in der Woche ist in Basels Kindergärten nichts mit Läckerli und Zeltli: Dann sprechen die Kindergärtnerinnen Hochdeutsch mit den Kleinen, die Hälfte der Zeit, so sieht es seit dem letzten Schuljahr eine Regelung des Erziehungsrats vor. Auch in anderen Kantonen verdrängt die Hochsprache die Mundart aus den Kindergärten. In Zürich muss nur ein Drittel der Zeit Dialekt gesprochen werden, die Kinder sind angehalten, auch miteinander Schriftdeutsch zu reden.

Grund für die Germanisierung der Kindergärten ist eine Empfehlung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren aus dem Jahr 2003, die nun umgesetzt wird: Die Bildungsexperten hoffen, dass der Schweizer Nachwuchs besser lesen lernt, wenn er weniger Mundart spricht. Ausserdem sollen Kinder mit fremdsprachigen Eltern und aus bildungsfernen Schichten dadurch speziell gefördert werden.

Die SVP bricht nun eine Lanze für die Schweizer Mundart – und wettert gleichzeitig gegen frühen Fremdsprachenunterricht: Unter Federführung von Nationalrat Ulrich Schlüer erarbeitet die Partei derzeit einen Gegenentwurf zum «Lehrplan 21», der nach dem Willen der Erziehungsdirektoren bald verbindlich sein soll für alle 21 deutschschweizer Kantone. Konkret fordert die SVP in ihrem Papier zur Volksschule, das dem «Sonntag» exklusiv vorliegt:

Im Kindergarten ist Mundart zu sprechen. Die Schriftsprache wird ab erster Primarklasse nach und nach eingeführt.

Mundart-Lieder sollen auf der gesamten Primarschulstufe die kulturelle Identität der Schüler stärken.

Deutsch soll wichtiger sein als frühe Fremdsprachen-Lektionen. «Priorität gehört in der Unter- und Mittelstufe klar der Muttersprache.»

Die Vernachlässigung von Realienfächern wie Geografie oder Geschichte auf der Unter- und Mittelstufe zugunsten des Fremdsprachenunterrichts soll rückgängig gemacht werden.

«Es darf nicht sein, dass Hochdeutsch und Früh-Englisch unseren Schweizer Dialekt verdrängen», sagt Ulrich Schlüer. «Alle Kinder, die in der Schweiz leben, müssen im Kindergarten Mundart lernen.» Schliesslich würden Kinder die Freude an der Sprache am besten in der Muttersprache, also der Mundart, entdecken, so Schlüer. «Ein Kind, das Freude an der Sprache hat, lernt dann auch leichter Hochdeutsch und Fremdsprachen.»

Das sehen Politiker aller Parteien in Zürich und Basel ebenso. In beiden Kantonen laufen derzeit Initiativen für die Mundart im Kindergarten. Ulrich Schlüer verspricht, die Initiativkomitees im Abstimmungskampf zu unterstützen. «Ich bin überzeugt: Der Ausgang dieser Initiativen wird Signalwirkung haben», sagt er. «Sollte das nicht der Fall sein, werden wir weitere Initiativen lancieren und dafür sorgen, dass Kinder in der Schweiz wieder Mundart lernen.»

In Zürich wird die Mundart-Initiative im März 2010 in der zuständigen Kommission behandelt. Spätestens 2011 soll sie zur Abstimmung kommen. «Die Regierung versucht alles, um die Abstimmung zu verhindern oder zumindest zu verzögern», klagt EVP-Kantonsrat Thomas Ziegler. In Basel kann das Stimmvolk wohl Ende Jahr darüber entscheiden, ob im Kindergarten Mundart oder Hochdeutsch gesprochen werden soll.

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