Der Gedanke, dass der Pilot im Cockpit nicht hundertprozentig ausgeruht ist, dürfte viele Passagiere nervös machen. Normalerweise ist dies auch nicht der Fall, da nach längeren Flügen längere Erholungszeiten eingeplant sind. Übermüdete Piloten gibt es dennoch. In der Branche ist von Fatigue die Rede. Bei der Swiss reichten im vergangenen Jahr 110 Piloten einen Rapport ein, in dem sie auf Übermüdung hinwiesen. Dies sagt Swiss-Flugsicherheits-Chef Philipp Spörli im neuen Magazin des Piloten-Personalverbands Aeropers.

Bald anonyme Rapporte?
Dass die Piloten zu wenig ausgeruht sind, kann mit der Einsatzplanung zu tun haben, wenn zum Beispiel vier Frühdienste in Folge anstehen. Aber es können auch Probleme zu Hause in der Familie dafür verantwortlich sein.

«Die 110 Rapporte mögen nach viel klingen», sagt Aeropers-Sprecher Thomas Steffen. «Doch das ist nichts. Die tatsächliche Zahl an müden Piloten dürfte um ein Vielfaches höher sein.» Wieso diese Diskrepanz? Steffen verweist auf ein grundsätzliches Problem: Bei der Swiss müsse der sogenannte Fatigue-Rapport mit Namen dem direkten Vorgesetzten weitergeleitet werden. «Bei fast allen renommierten Airlines gehen die Meldungen hingegen zuerst an die Flugsicherheitsabteilung und dann anonym an den direkten Vorgesetzten.» Diese Handhabung entspreche denn auch den neusten Empfehlungen der EU.

«Bei der Swiss wird dies aber noch nicht konsequent umgesetz», sagt Steffen. Dadurch fehle ein System, das die Meldung von Fehlern fördere. Man befinde sich nun in Gesprächen mit dem neuen Swiss-CEO Thomas Klühr, um diesen Prozess zu ändern.

Die Swiss selbst nimmt sich des Themas ebenfalls stärker an. Laut Sicherheitschef Spörli wurde Anfang Jahr ein sogenanntes «Fatigue Risk Management System» eingeführt, um bei der Einsatzplanung stärker die psychische und physische Belastung zu berücksichtigen. Zudem testen interne Wissenschafter zwei Apps, um die aktuelle Wachsamkeit des Piloten zu analysieren. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat das System kürzlich genehmigt. Zudem profitiert die Swiss von einer Kooperation mit der US-Raumfahrbehörde Nasa, die ebenfalls zum Thema Fatigue forscht.

Nickerchen während Flug
Das System kann beispielsweise voraussagen, wann der Moment für ein Nickerchen ist. «Es kennt den Biorhythmus und die bereits erfolgten Schlafstunden und kann so eine Empfehlung abgeben», sagt Spörli. Vor langer Zeit sei es noch verboten gewesen, im Cockpit während des Flugs in Absprache mit der Crew kurz zu schlafen. «Heutzutage machen wir das mit aller Selbstverständlichkeit.»

Die Rapporte gebe es noch nicht lange. Aber jetzt werde das Thema firmenübergreifend ernst genommen. Dass dies ein langer Prozess gewesen sei, habe damit zu tun, dass zuerst die Angst vor Missbrauch dominiert habe, also die Angst vor Blaumachern.

Ein Swiss-Sprecher sagt, die Swiss fördere «die proaktive Inanspruchnahme des Rapportwesens». Man werde das Thema weiter vorantreiben.

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