Seit kurzem fliegt ein Schwarm Tauben durch das Weltall. In den Erdorbit entlassen, wurde er von der ISS, der Internationalen Raumstation. Die Doves (Englisch für Tauben) sind kleine Satelliten, welche die Erde in etwa 400 Kilometer Höhe umrunden. Sie sind lediglich 30 Zentimeter lang und mit einer Kamera ausgerüstet, die permanent auf die Erde gerichtet ist und hochauflösende Bilder von unserem Planeten schiesst.

Die gemachten Aufnahmen übermitteln die Tauben nach San Francisco, in die Büroräume der Firma Planet Labs. Hier sind die Minisatelliten entwickelt worden, von hier werden sie gesteuert und hier wird auch das Fotomaterial gesammelt und aufbereitet. Derzeit besteht der Schwarm aus 28 Satelliten, welche regelmässig neue Bilder von unserem Planeten machen. Doch das ist erst der Anfang: Planet Labs hat bereits angekündigt, dass die Firma 100 weitere Satelliten ins All schicken möchte, um die Welt noch vollständiger abzubilden und die Aufnahmen noch häufiger zu aktualisieren. «Wir werden letztlich alles auf unserem Planeten sehen können, wirklich alles», sagte Mitgründer und Technik-Chef Chris Boshuizen, kürzlich der «New York Times».

Von diesen Fotos sollen wir alle profitieren. Auf der Firmen-Website heisst es, dass das Satellitennetzwerk «den Zugang zu Bildern von unserem sich im Wandel befindenden Planeten demokratisieren soll». Wie das Bildmaterial aber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und ob es für den Endnutzer tatsächlich kostenlos sein wird, verrät Planet Labs indes nicht. Das Start-up wurde 2010 von drei ehemaligen Nasa-Mitarbeitern gegründet. Bereits drei Jahre später wurde der erste Satellit in den Orbit geschickt. Und jetzt zeigt sich: Planet Labs hat das Potenzial Google Earth alt aussehen zu lassen.

Denn Google greift für sein Abbild unseres Erdballs auf altes Bildmaterial zurück. Die Welt auf Google Earth wird also so dargestellt, wie sie früher einmal war. Planet Labs hingegen will unseren Planeten so zeigen, wie er jetzt gerade aussieht. Von manchen Regionen der Erde soll es bald mehrmals täglich neue Bilder geben, die übrigen sollen wenigstens wöchentlich aktualisiert werden.

Doch Google steht dem sich abzeichnenden Wandel am Himmel nicht passiv gegenüber. Diesen Monat hat der Internetkonzern für 500 Millionen Dollar die Firma Skybox Imaging gekauft. Das Start-up hat sich ebenfalls zum Ziel gemacht, unseren Planeten vom All aus möglichst vollständig abzubilden. Dabei setzte die Firma auf etwas grössere Satelliten – rund 100 Kilogramm wiegt ein Skysat. Bisher hat das Unternehmen einen in den Orbit gebracht, zwei Dutzend weitere sollen aber folgen. Neben hochaufgelösten Fotos liefern die Satelliten auch kurze Videoclips aus dem All.

Ein ganzes Satelliten-Netzwerk in den Händen einer privaten Firma – möglich geworden ist das dank den neusten technischen Entwicklungen, die zu einer Miniaturisierung der Satelliten geführt haben. Die Smartphone-Industrie hat dafür gesorgt, dass leistungsstarke Batterien und Kameras immer kleiner wurden. Davon profitieren nun die Satellitenbauer. So sind die Satelliten von Planet Labs vor allem aus Bestandteilen zusammengebaut, die ursprünglich aus der Unterhaltungselektronik stammen.

Die massive Verkleinerung der Satelliten hat vor allem einen Vorteil: Sie werden leichter und können deshalb billiger in das Weltall transportiert werden. «Früher brauchte man einen ganzen Staat, um einen Satelliten in den Orbit zu schiessen, heute schafft das auch eine kleine Firma oder eine Universität», sagt Markus Rothacher. Der ETH-Professor ist Projektleiter von CubETH, einem Minisatelliten, den die Hochschule übernächstes Jahr in den Orbit senden will. Der Forschungssatellit ist noch kleiner als die Doves von Planet Labs; er hat die Form eines Würfels mit 10 Zentimeter Seitenlänge und wiegt bloss 1,3 Kilogramm. Und es soll sogar noch kleiner gehen: Erste Ingenieure experimentieren mit sogenannten PocketQubes. Das sind Würfelsatelliten mit einer Kantenlänge von lediglich 5 Zentimetern und einem Gewicht von rund 200 Gramm.

Das ist ein Bruchteil von einem herkömmlichen Beobachtungssatelliten, der so schwer ist wie ein Geländefahrzeug und mehrere 100 Millionen Dollar verschlingt. «Solche Grosssatelliten werden zwar nicht gänzlich überflüssig werden», sagt Rothacher, «doch für immer mehr Missionen kann man in Zukunft auf die billigeren Minisatelliten ausweichen.» Und gerade in der Erdbeobachtung ist ein Netzwerk von vielen Kleinsatelliten besser geeignet als ein einziger grosser Satellit, da man so mehrere Punkte gleichzeitig beobachten kann. Dafür muss man beim Detailgrad der Aufnahmen noch Abstriche machen.

Die fünf Kilogramm leichten Satelliten von Planet Labs erreichen eine Auflösung von rund drei Metern pro Pixel – die grösseren Skybox-Satelliten schaffen eine Darstellung von unter einem Meter pro Bildpunkt. Das ist zwar nicht so detailliert wie die Bilder von teuren Grosssatelliten, die eine Auflösung von 0,5 Metern bieten. Es reicht aber, um die Sicht auf unsere Welt zu ändern. «Wir erhalten ein genaueres Bild über den Zustand unseres Planeten», sagt Konrad Schindler, Professor für Bildmessung an der ETH Zürich. Dadurch werde es möglich, genauere Aussagen über Klimaveränderungen, sich anbahnende Naturkatastrophen oder Ernteausfälle zu machen.

Solche Informationen kann man nutzen, um bei bevorstehenden Katastrophen rechtzeitig Gegenmassnahmen einzuleiten. Man kann sie aber auch für andere Zwecke verwenden. Investmentbanker und Spekulanten könnten die Öltanker auf den Meeren zählen, und so die Veränderung des Ölpreises vorherberechnen. Oder sie könnten die Entwicklung der weltweiten Ernte analysieren und so auf einen Preisanstieg der Nahrungsmittel spekulieren.

Auch wenn die Bilder eine zu geringe Auflösung haben, um Gesichter zu erkennen, so können sie dennoch Konsequenzen haben für unsere Privatsphäre. So lässt sich etwa erkennen, ob sich derzeit gerade ein Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus befindet. Ein Ehemann könnte so etwa vom Büro aus überwachen, ob seine Frau zu Hause einen Besuch empfängt. Und eine Firma könnte ihre Angestellten observieren – und so erkennen, ob ein krankgemeldeter Mitarbeiter auch schön brav zu Hause bleibt oder ob er mit dem Auto wegfährt.

Doch für den eidgenössischen Datenschutzbeauftragten ist das noch kein Eingriff in die Privatsphäre. Dieser beginne erst dann, wenn auf den Fotos Personen bestimmbar seien, erklärt ein Mitarbeiter des Datenschutzbeauftragten auf Anfrage. Werden die Bilder in Zukunft einmal so detailliert sein, dass man darauf Personen identifizieren kann, so müssten diese gemäss Schweizer Datenschutzrecht unkenntlich gemacht werden – wie das schon heute bei den Aufnahmen von Google Street View der Fall ist. Das Durchsetzen dieses Rechts könnte aber schwierig werden, denn die Fotos werden ja nicht in der Schweiz gemacht, sondern aus dem Weltall.

Es dürfte niemanden verwundern, dass die Qualität der von privaten Satelliten geknipsten Bilder noch zunehmen wird. Und die Anzahl der um die Erde kreisenden Minisatelliten dürfte in den nächsten Jahren förmlich explodieren. Bis 2019, so schätzen Experten, werden etwa 1000 Minisatelliten um unseren Erdball schwirren. Diese garantieren eine noch lückenlosere Überwachung unseres Planeten. Die letzte Konsequenz aus dieser Entwicklung wäre eine Art Google Street View aus dem All in Echtzeit.

Das könnte dann so aussehen: Wir stehen auf an einer Kreuzung, öffnen auf unserem Smartphone eine App und sehen auf dem Display den Erdball. Dann zoomen wir auf die Landmasse zu, nähern uns gigantisch schnell der Erdoberfläche, sehen Berge und Seen, erkennen die Stadt, in der wir uns befinden und die Kreuzung, an der wir stehen – und schliesslich uns selber. Wir blicken in die Luft, winken in die Kamera des Satelliten. Dann drücken wir den Auslöser auf dem Smartphone und schiessen ein Foto von uns selbst.

Vielleicht werden wir uns dann gewöhnen an Fotografien von Menschen, die möglichst cool in den Himmel hinaufschauen. Und sie Orbit-Selfies nennen.

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