Um Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, will Bundesrat Alain Berset schweizweit den Verkauf von Zigaretten an Minderjährige verbieten. Dies hat er am Mittwoch bekannt gegeben. Ein Verbot hält junge Menschen aber nur bedingt vom Rauchen ab. Das zeigt sich beim Cannabis. So haben vergangenes Jahr 22 Prozent der 15- bis 19-Jährigen mindestens einmal Cannabis konsumiert.

Im Durchschnitt rauchen Jugendliche mit 16 zum ersten Mal einen Joint. Anschliessend nimmt ihr Konsum zu, erreicht mit 17 einen Höhepunkt und nimmt schliesslich wieder ab. Von den 20- bis 24-Jährigen konsumierten 2014 rund 20 Prozent Cannabis – bei den
25- bis 34-Jährigen waren es noch 12 Prozent. Diese Konsumzahlen sind trotz Verbot seit Jahren stabil.

Thomas Kessler, Drogenexperte und Basler Stadtentwickler, erstaunt dies nicht. «Mit einem Jugendschutz, der mit unlogischen Verboten für alle Konsumenten verknüpft ist, erreicht man nichts», sagt Kessler. Die Prohibitionsidee funktioniere bei Hanf nicht – sie stütze sich einzig auf Ideologie, Moralismus und Heuchelei. Andere Länder hätten dies erkannt. Vermehrt setzen sie auf eine Entkriminalisierung, Legalisierung und Regulierung. Im US-Bundesstaat Colorado beispielsweise können Erwachsene seit einem Jahr legal eine Unze (28 Gramm) Marihuana pro Einkauf erwerben. Diese Entwicklungen haben die Konferenz der Kantonalen und Städtischen Beauftragten für Suchtfragen sowie die Arbeitsgemeinschaft für Suchtpolitik zum Anlass genommen, um auch hierzulande über «zentrale Aspekte einer Cannabis-Regulierung» zu diskutieren. Denn seit das Stimmvolk 2008 den straffreien Cannabiskonsum ablehnte, hat die Diskussion darüber stagniert. Ein von den drei Organisationen ausgearbeitetes Papier zeigt nun aber, dass sich etwas bewegt. Geht es nach ihnen, sprechen folgende Punkte für eine neue Regulierung:

> Ein Verbot verhindert den Cannabis-Konsum nicht, sondern es entsteht ein Schwarzmarkt. Ebenfalls kostet es viel, das Verbot durchzusetzen.

> Das gesundheitliche Gefährdungspotenzial von Alkohol, Tabak und Cannabis ist vergleichbar.

> Eine grosse Mehrheit hat einen unproblematischen Cannabis-Konsum.

Einen wichtigen Faktor klammern die kantonalen und städtischen Suchtexperten in ihrem Vorschlag aber aus: die minderjährigen Cannabiskonsumenten. Dafür hat sich eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe des Themas angenommen. In einem noch unveröffentlichten Grundlagenpapier, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, kommt sie zum Schluss: «Da die meisten Cannabiskonsumenten zwischen 16 und 24 Jahre alt sind, wäre aus fachlicher Sicht das Mindestalter 16 Jahre für die Abgabe von Cannabis zu befürworten.» Für eine Abgabe ab 16 spreche auch, dass nur rund 3,2 bis 3,7 Prozent einen problematischen Cannabisgebrauch aufwiesen.

Die Arbeitsgruppe, bestehend aus Personen des Dachverbands offene Jugendarbeit, des Fachverbands Sucht, der Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände sowie weiteren Drogenexperten, würde den Zugang für Jugendliche allerdings an Bedingungen knüpfen. So könnten sie sich vorstellen, die Menge für 16- und 17-Jährige «erheblich einzuschränken». Oder Jugendlichen nur den Zugang zu Cannabis mit einem gewissen THC-Gehalt zu erlauben. Ebenfalls denkbar: Minderjährige Konsumenten müssen zweimal pro Jahr an einer Cannabis-Gesprächsgruppe teilnehmen. Studien zur Beurteilung der Gefährlichkeit von Cannabis gibt es in der Schweiz viele. Sie widersprechen sich oft diametral. Mal sind Hanfraucher bessere Schüler, mal macht Hanf lethargisch, mal aggressiv. «Viele Studien sind politisch und nicht wissenschaftlich motiviert», sagt Thomas Kessler. Nur Studien, die Gleiches mit Gleichem vergleichen, also Alter, Geschlecht, Bildung, Familiensituation und sozioökonomischer Status, seien aussagekräftig. Und sie kämen immer zur selben Erkenntnis: Probleme entstehen wie beim Alkohol bei sehr frühem Beginn, hohem Dauerkonsum und persönlichen Problemen. «Cannabis ist also nichts für Kinder und Problemadoleszente, aber ein Genussmittel für reife Personen», sagt Kessler.

Deshalb steht auch für alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, die sich seit Jahren in der Drogenpolitik engagiert, fest: «Es braucht eine rationale Cannabis-Regulation, analog der Steuerung von Tabak und Alkohol.» Einige Kantone und Städte hätten dies bereits erkannt und würden an der Vorbereitung von wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekten arbeiten. «Und wenn im Rahmen des Betäubungsmittelgesetzes Erfahrungen auf lokaler Ebene gesammelt worden sind, wird sich das Parlament mit der Frage der Regulierung auf nationaler Ebene erneut auseinandersetzen können», sagt Dreifuss. Erfreut zeigt sie sich auch, dass verschiedene Fachverbände sich derzeit stark engagieren.

Eine halbe Million Menschen konsumiert in der Schweiz Cannabis. Der Markt wird auf bis zu 1,2 Milliarden Franken geschätzt. «Geld, das bei einer Legalisierung mehrheitlich der Landwirtschaft, der AHV/IV und der Prävention zukommen würde», sagt Thomas Kessler.

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