Auf dem Brief steht fett gedruckt: «Persönlich und vertraulich». Der Inhalt: ein Hilferuf von Bauer Fritz Gutknecht an den Milliardär und reichsten Aargauer Willi Liebherr. Von ihm hat der Bauer einen Hof im aargauischen Nussbaumen gepachtet. «Ich schreibe Ihnen, weil ich finde, dass ich und meine Familie nicht gut behandelt werden. Das ist nicht in Ordnung.» Man wolle, «dass ich bis Ende September 2013 den Hof räume, sonst schickt man die Polizei. Ich habe aber noch keinen neuen Hof», beklagt sich der Bauer.

Um was geht es bei der Auseinandersetzung zwischen dem Milliardär und dem Bauer? Gutknecht sagt zur «Schweiz am Sonntag»: «25 Jahre habe ich den Hof ausgebaut, Tag und Nacht geschuftet und immer meinen Pachtzins bezahlt. Jetzt wirft mich der Besitzer raus und stellt meine Familie auf die Strasse.» Sein Pachtvertrag läuft definitiv Ende September 2013 aus. Zuvor hat man ihm eine dreijährige Fristerstreckung gewährt und die Möglichkeit, den Hof für 1,35 Millionen Franken zu kaufen. «Ich habe eine halbe Million Franken in den Hof gesteckt. Aber dieses Geld will mir der Besitzer beim Kauf nicht anrechnen. Von der Bank erhalte ich so keinen Kredit», sagt Gutknecht.

Was für den Bauern sehr viel Geld ist, ist für Liebherr kaum der Rede wert. Die Familie ist Ende der 70er-Jahre aus Deutschland in die Schweiz übersiedelt, um der unkalkulierbaren Erbschaftssteuer in der Heimat zu entgehen. Laut der «Bilanz» beläuft sich ihr Vermögen auf rund 6,5 Milliarden Franken. Zur Familie gehört auch Christina Liebherr, die ehemalige Olympia-Bronzemedaillengewinnerin im Reiten. Sie ist eine Enkelin des Firmengründers. Zusammen mit seiner Schwester leitet Willi Liebherr als Verwaltungsratspräsident von Nussbaumen aus die gleichnamige Firma, zu der Baumaschinen, Kühlschränke und Hotels gehören. Weltweit arbeiten über 37 000 Mitarbeiter für den Unternehmer.

Beim Umzug in die Schweiz hat die Familie viel Land in Nussbaumen erworben. Dazu gehört auch der Bauernhof, den man mit zwei Verträgen an die Brüder Gutknecht verpachtet.

Liebherr, der nur einen Steinwurf entfernt vom Bauer in einer Villa mit kleinem Rebberg wohnt, weist die Vorwürfe seines Pächters zurück und ist sich keiner Schuld bewusst. In seinem Antwortschreiben an Bauer Gutknecht kommt der Firmenchef zur Sache. Zu der halben Million an Investitionen, die Gutknecht in den Ausbau des Hofes gesteckt hat, steht: «(…) Für die getätigten Arbeiten konnten Sie das Grundstück auch lange nutzen. Wenn sich solche Investitionen nicht für Sie gerechnet haben, kann nicht ich verantwortlich gemacht werden.» Immerhin drückt Liebherr die Hoffnung aus, dass sich die Investitionsfrage gemeinsam klären lässt.

Gar kein Verständnis hat Liebherr, dass ihm der Bauer vorwirft, ihn auf die Strasse zu stellen und er noch keinen neuen Hof gefunden habe. «Für die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft kann ich nichts dafür. Auch kann ich nicht für Sie entscheiden, ob Sie in der Landwirtschaft oder in einer anderen Branche tätig sein wollen. Ihnen stehen beide Möglichkeiten offen», so Liebherr. Wenigstens drückt er im Schreiben noch sein Bedauern aus, dass die Pacht im Herbst 2013 endet und der Auszug bevorsteht.

Als Hauptgrund für den Rausschmiss erwähnt er vor allem den jahrelangen Streit um Hof und Land zwischen Gutknecht und seinem Bruder. Diese Auseinandersetzung sei Liebherr schon früh aufgefallen. «Ich finde es nun schade, wenn diese Fragen, welche einzig Sie und Ihren Bruder betreffen, mir von Ihnen vorgehalten werden. Ich habe mit dieser Familiengeschichte aber nichts zu tun», schreibt Liebherr.

Darüber kann Gutknecht nur den Kopf schütteln. «Es ist richtig, dass mein Bruder und ich Streit haben. Das liegt aber vor allem daran, dass mein Vater, der den Hof vor mir geführt hat, für uns beiden Söhne nichts schriftlich geregelt hat. Sonst hätten wir weniger Probleme», sagt Gutknecht. Er wirft Liebherr vor, seinen Bruder und dessen Frau zu bevorzugen. «Meine Pacht wurde ständig erhöht, bis auf 19 000 Franken. Mein Bruder zahlt immer noch 1500 Franken und wohnt günstig zur Miete in einem Haus von Liebherr», sagt der Bauer. Dass ihn der Milliardär los werden will, ist für ihn klar. «Liebherr hat vorgeschlagen, dass mein Bruder der alleinige Pächter des Hofes wird. Ich hätte dann als Unterpächter 23 000 Franken zahlen müssen. Liebherr weiss, dass dieser Zins meine Existenz vernichtet hätte», sagt Gutknecht.

Unterdessen hat die Familie das Gefühl, dass sich alle gegen sie verschworen haben. «Die wollen uns los werden«, ist er überzeugt. So hat Liebherr den Bauer gebeten, Fragen mit seinem Anwalt zu besprechen und ihn nicht mehr zu kontaktieren. Den Pachtstreit hat er schon länger an ein Anwaltsbüro in Baden delegiert. Die Anfrage der «Schweiz am Sonntag» um eine Stellungnahme blieb von Liebherr unbeantwortet.

Am Freitag haben die Gutknechts ein Haus besichtigt. «Es hat uns nicht schlecht gefallen. Aber unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt», sagt der Bauer. Finden sie bis Ende September kein neues Zuhause in der Region Baden/Brugg, droht die Obdachlosigkeit. Was Milliardär Liebherr mit dem Hof im Sinn hat, weiss Gutknecht nicht. «Bauen ist dort verboten. Einen Bauernhof will er auch nicht mehr. Vielleicht steht der Betrieb nach unserem Rausschmiss dann einfach leer.»

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