VON SANDRO BROTZ

Sie heisst Anja Moser und ist «der Anker im Leben von Mike», wie es sein Vater gegenüber dem «Sonntag» formuliert. Moser ist Sozialarbeiterin in der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim im Münchner Stadtteil Giesing. Mit ihr hat Mike beinahe täglich Kontakt. Sie ist zu seiner nächsten Bezugsperson geworden. Mikes Vater ist froh darum: «Sie macht ihren Job sehr gut.» Dazu gehören Gespräche, aber auch Momente der Ablenkung. Moser spielt mit Mike häufig Schach. «Er ist ein sympathischer Junge», sagte sie der lokalen «Abendzeitung».

Derselbe «sympathische Junge» hat am 30. Juni letzten Jahres laut Staatsanwaltschaft «einen Amoklauf ohne Waffen» begangen. Zusammen mit Ivan und Benji verprügelte Mike während einer Klassenfahrt am Sendlinger Tor fünf Menschen. Der 47-jährige Versicherungskaufmann Wolfgang O. wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Jetzt wird bekannt: Das psychologische Gutachten attestiert dem mutmasslichen Haupttäter Mike einen IQ von 118. Der Durchschnittswert liegt bei 100. Gerade mal knapp 7 Prozent der Bevölkerung haben einen ähnlich hohen IQ. «Man hat Mike gesagt, in Deutschland müsste er eigentlich studieren und das Abitur nachholen», sagt der Vater.

Doch in der JVA Stadelheim wird lediglich eine Arbeitstherapie angeboten. Dabei werden aus Holz kleine Vogelnester gebastelt oder Blumenvasen getöpfert. «Der Staat schert sich nicht um die Zukunft dieser Jugendlichen», sagt Mikes Verteidiger Christian Bärnreuther. Bewilligt wurde dem ehemaligen Schüler der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht (WBK) einzig eine italienische Lern-CD und ein CD-Player, wie der Vater sagt. Daneben lese und schreibe Mike viel – der Familie, aber auch Kollegen in der Schweiz. Die Eltern sehen ihren Sohn alle zwei Wochen. Das nächste Mal wird es morgen Montag sein, wenn der Prozess am Oberlandesgericht München wieder aufgenommen wird. Für den 14. Oktober ist mit den Plädoyers zu rechnen – zwei Tage nach dem 18. Geburtstag von Mike.

Nicht nur der IQ-Test, auch das Persönlichkeitsgutachten und der Bericht der Sozialarbeiterin fallen positiv aus. Mike, Ivan und Benji – er ist in der JVA Neuburg an der Donau inhaftiert – werden durchs Band als «höflich, freundlich und kooperativ» bezeichnet. Vor Gericht haben sie jedoch bisher konsequent geschwiegen und sich damit heftige Kritik eingehandelt. Der Vater sagt: «Wenn ich ein Richter wäre, würde ich auf Mikes Verhalten im Gefängnis schauen.» Verteidiger Bärnreuther ergänzt: «Diese Faktoren müssten einen Einfluss haben.»

Doch es geht um versuchten Mord und der Richter heisst Reinhold Baier. Er hat Anfang Woche im so genannten U-Bahn-Mord an Dominik Brunner die beiden Täter Markus (19) und Sebastian (18) zu 9 Jahren und 10 Monaten respektive 7 Jahren verurteilt. «Das sind völlig überzogene Urteile», wettert Mikes Verteidiger Bärnreuther. Er gesteht ein, dass ihn die drakonischen Strafen mit Blick auf Baiers bevorstehendes Verdikt im Fall Sendlinger Tor beunruhigen. Mike wird sich aus erster Hand erzählen lassen können, wie U-Bahn-Mörder Sebastian mit dem Urteil umgeht: Er sitzt in der gleichen Abteilung wie Mike.

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