Die meisten Opfer von Menschenhändlern werden in der Prostitutionsszene ausgebeutet, viele aber auch in der Gastronomie, als Hausangestellte oder als Putzfrauen. Insgesamt verzeichnete das Bundesamt für Polizei (Fedpol) vergangenes Jahr 671 Meldungen von Menschenhandel – mehr als doppelt so viele wie noch 2011. Die Dunkelziffer ist laut Fedpol «erheblich». Denn die Täter gehen subtil vor. Misshandeln sie die Frauen, versuchen sie, keine äusserlich sichtbaren Verletzungen zu hinterlassen. So werden die Frauen weniger als Opfer erkannt und es fällt ihnen schwerer, die Gewalt glaubhaft zu machen.

Die Folge: Je nach Sensibilisierung der Polizeien und Opferhilfestellen in den Kantonen kommen mehr oder eben weniger Fälle ans Licht. 2013 hat Zürich 69 Fälle von Menschenhandel bearbeitet. In Genf waren es hingegen lediglich 21, in Bern 16 und ins Basel nur 7 Fälle.

«In Zürich gibt es nicht mehr Menschenhandel als anderswo in der Schweiz, doch hier wird Ausbeutung und Gewalt besser erkannt», sagt Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Dies liege vor allem an der engen Zusammenarbeit zwischen der auf Frauenhandel spezialisierten Opferhilfestelle FIZ und der spezialisierten, zivilen Polizei-Einheit Milieuaufklärung, kurz MAK.

Deren Aufgabe ist es nicht, die Frauen zu büssen und zu kontrollieren, sondern im Rotlichtmilieu Menschenhändlern auf die Schliche zu kommen. «Damit dies möglich ist, müssen sie das Vertrauen der Frauen gewinnen, damit diese sich auch trauen, über ihre Ausbeutungssituation zu berichten», sagt Angelini.

Doch genau hier liegt das Problem. Selbst wenn es zahlreiche Hinweise für Frauenhandel gibt, scheitert die Verfolgung oft daran, dass die Opfer nicht aussagen wollen, weil die Täter sie mit psychischer oder physischer Gewalt massiv unter Druck setzen. «Nur wenn wir Opfer in der Schweiz und im Herkunftsland ausreichend schützen können, haben wir eine Chance, den Menschenhandel zu bekämpfen», sagt Angelini.

Deshalb fordern die Opferhilfestellen schweizweit spezialisierte Polizeieinheiten. «Solche Einheiten würden den Grundstein für ein Verfahren gegen einen Menschenhändler legen», sagt Martha Wigger von der Fachstelle Sexarbeit Xenia Bern. Auch die Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe Aliena in Basel sieht dies so. Das Fedpol erachtet solche Polizeien als «erstrebenswert».

Zwar gibt es mittlerweile in 17 Kantonen Kooperationsgremien, die sich mit dem Menschenhandel beschäftigen. Doch eine spezialisierte Milieuaufklärung bei der Polizei gibt es nur in Zürich. «Es braucht auch in den anderen Kantonen den politischen Willen, ausreichend Ressourcen für eine spezialisierte Polizei und Opferberatung bereitzustellen», sagt Angelini. Durch die enge Zusammenarbeit gelangen heute mehr als 50 Prozent der Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind, via Polizei an die Opferhilfestelle FIZ. Die Opfer stammen seit einigen Jahren hauptsächlich aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, aber auch aus Thailand, China, Brasilien und Nigeria.

Die Drahtzieher hinter dem Geschäft passen sich laufend den äusseren Umständen an. So verlagerten ungarische Menschenhändler, die den Strassenstrich auf dem Sihlquai dominierten, ihr Geschäft nach dessen Schliessung im Sommer 2013 in Etablissements oder in andere Kantone. Eine Ballung bulgarischer Zuhälter wird seit geraumer Zeit im Mittelland festgestellt, schreibt das Fedpol. Von dort aus versorgen sie Strassenstriche in mehreren Landesteilen mit bulgarischen Prostituierten.

Bis zu 25 000 Sexarbeiterinnen schaffen in der Schweiz an. Nur ein Teil von ihnen ist vom Menschenhandel betroffen. Deshalb dürfe Sexarbeit nicht automatisch mit Menschenhandel gleichgesetzt werden, sagt Martha Wigger von der Fachstelle Xenia. Für sie steht fest: «Durch das neue Prostitutionsgesetz wie auch weitere, auf politischer Seite geplante Repressionen gegen die Sexarbeit ist der Menschenhandel nicht zu bekämpfen», sagt Wigger. Im Gegenteil, je mehr sich Prostituierte in Privatwohnungen zurückziehen müssten, desto schwieriger sei es, sie zu erreichen und ihnen bei Gefahr Schutz zu bieten.

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