Seit Anfang 2013 gilt das neue Namensrecht mit dem Grundsatz: Jedermann soll seinen Nachnamen sein Leben lang behalten. Doch die meisten heiraten in der Schweiz im Namen des Mannes. Das zeigen noch unveröffentlichte Zahlen des Bundesamtes für Statistik für die Jahre 2013 und 2014.

Schweizweit übernahmen 71 Prozent der frisch getrauten Frauen den Nachnamen ihres Gatten. Lediglich 24 Prozent behielten ihren Ledignamen. Und nur 2 Prozent der Männer wählten den Namen der Frau . In der Ostschweiz legten bei der Heirat gar über 80 Prozent der Frauen ihren Namen ab. Hoch ist die Bereitschaft dafür auch in den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft (siehe Grafik).

In Davos beobachtet der Vorsteher des Zivilstandsamtes, Marco Kühnis, eine Rückbesinnung zu traditionellen Werten. «Die jungen Paare sind heute oft traditionsbewusster als noch vor 10 oder 20 Jahren», sagt er. Die Zivilstandsbeamten sind ob dieser Entwicklung überrascht. «Ich dachte, der eigene Nachname sei bei den Frauen beliebter», sagt die Vorsteherin des Zivilstandsamtes Luzern, Madlen Brunner. «Vielen Frauen scheint es jedoch wichtig zu sein, dass sie gleich heissen wie der Mann und die künftigen Kinder.»

Die Soziologin Fleur Weibel untersucht an der Universität Basel, wie Paare heiraten. Die Studie soll im Herbst 2016 fertig sein. Bereits jetzt kann Weibel sagen: Die Gleichstellungsmassnahme auf gesetzlicher Ebene hat ungleiche Auswirkungen auf Männer und Frauen. «Viele Paare wollen über den Namen ihre Verbindung als Paar und Familie zeigen und würden das gern durch eine Kombination der Namen machen», sagt Weibel. Das Problem: Offiziell gibt es keine Doppelnamen mehr. Heute muss sich ein Paar entscheiden, ob beide ihren bisher geführten Namen behalten wollen oder ob sie seinen Ledignamen annimmt oder er ihren. Zwar können Ehepaare einen Allianznamen führen, doch dieser ist nicht amtlich.

«Für viele Männer ist es nach wie vor undenkbar, den Namen der Frau anzunehmen, ausser vielleicht, der eigene ist besonders skurril», sagt Weibel. Oftmals seien die Frauen kompromissbereiter. «Insbesondere, wenn das Thema Kind aktuell wird, rückt für sie ein gemeinsamer Name in den Vordergrund.»

Das heisst: «Weil Männer hier eine sehr klare und unhinterfragte Haltung haben, bleibt die Frage an den Frauen hängen.» Sie müssten zwischen dem Ausdruck ihrer eigenen Identität oder der Familienzugehörigkeit entscheiden, sagt die Soziologin. «Ich finde, die Variante Doppelname müsste zusätzlich wieder möglich sein, damit Frauen und Männer zugleich ihre Identität und ihre Verbundenheit ausdrücken können.»

Das sieht Stephan Walther, Leiter des Zivilstandskreises Bern-Mittelland, gleich. «Diese Variante war beliebt», sagt Walther. Und auch auf dem Zivilstandsamt Baden erkundigen sich noch heute Ehepaare nach dem Doppelnamen. «Ich werde oft gefragt: Weshalb wurde das Namensrecht nicht einfach um neue Möglichkeiten erweitert, ohne das Recht auf einen Doppelnamen zu streichen?», fragt Albert Conrad, Leiter des Zivilstandskreises Baden. Für ihn steht deshalb fest: Der Doppelname soll künftig wieder erlaubt sein und neu auch bei Kindern ermöglicht werden. Heute heissen sie in 90 Prozent der Fälle wie der Vater.

für den Doppelnamen setzt sich auch die Waadtländer SP-Nationalrätin Rebecca Ruiz ein. «Weil es keine Doppelnamen mehr gibt, kommen viele Frauen in ein Dilemma», sagt Ruiz. Dagegen wolle sie ankämpfen. Ein Postulat und eine Interpellation dazu sind im Rat hängig. «Es kann nicht sein, dass ein Gleichstellungsgesetz dazu führt, dass so viele Frauen ihren Namen aufgeben.»

Cora Graf-Gaiser ist Expertin für Namensrecht beim Bund. Die stellvertretende Chefin des Eidgenössischen Amtes für das Zivilstandswesen ist überzeugt: Je länger, je weniger wird der Name des Mannes zum gemeinsamen Familiennamen bestimmt. Auch deswegen, weil sich das Heiratsalter nach oben verschiebt. «Je länger man mit einem Namen gelebt hat, desto weniger will man ihn aufgeben.» Hinzu kommt: Bis ein neues Gesetz fruchte, brauche es Zeit. «Dass eine Frau den Namen des Mannes übernehmen musste, war viele Jahre gesetzlich vorgeschrieben.» Daher erstaune es nicht, dass die alte Regelung noch immer stark in den Köpfen der Gesellschaft verankert sei. Doch das werde sich ändern. «In ein paar Jahren wird es selbstverständlich sein, dass die Heirat keinen Einfluss auf den Nachnamen der Ehegatten hat.»

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