Der Platzmangel für die Fahrenden ist notorisch. Nun zeichnet sich aber eine Entschärfung ab. Seit Monaten sucht eine Task-Force mit Vertretern von jenischen Organisationen, NGOs, Gemeinden, Städten, Kantonen und Bund nach gemeinsamen Lösungen. Im Herbst soll deren Aktionsplan dem Bundesrat unterbreitet werden.

Obwohl das Bundesgericht den Fahrenden bereits 2003 angemessene Halteplätze zusprach, passierte bislang wenig. Jetzt zeigt sich Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft, vorsichtig optimistisch: «Der Aktionsplan will die Anzahl der Plätze deutlich erhöhen. Zum ersten Mal legt der Bund fest, wie die Fahrenden in der Zonenplanung berücksichtigt werden müssen», sagt er. Eine Aufstockung sei dringend nötig; die Situation drohe zu eskalieren. Wie Huber sagt, leben zwischen 3000 und 5000 Schweizer Jenische fahrend. Das seien aber nur zehn Prozent der Volksgruppe. Die anderen sind sesshaft.

Der Bund will sich zu den Inhalten des Aktionsplans noch nicht äussern. Wie Recherchen zeigen, könnte die Anzahl Plätze aber mehr als verdoppelt werden. Bereits 2010 hatte die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende einen Bedarf von 40 Stand- und 80 Durchgangsplätzen ermittelt. Wie Geschäftsleiter Urs Glaus sagt, hat sich daran nichts geändert: «Diese Zielgrösse entspricht der gemeinsamen Politik mit dem Bund. Andere Zahlen im Aktionsplan festzuhalten, würde keinen Sinn ergeben», sagt Glaus.

Gegenwärtig beschäftigt sich nicht nur der Bund mit der anerkannten Minderheit. Diese Woche gab der Kanton Bern bekannt, dass er drei neue Plätze für Schweizer Fahrende eröffnen will. Ein weiterer Platz ist für ausländische Gruppen geplant. Damit prescht der Kanton mit Ideen vor, die anderorts durch Einsprachen oder Widerstand blockiert sind. Jüngstes Beispiel war St. Gallen: Dort schmetterten die Stimmbürger das Begehren an der Urne ab.

Viele Plätze sind ungenügend
Stand- und Durchgangsplätze für Fahrende sind nach wie vor Mangelware. Das zeigt eine bislang unveröffentlichte Studie der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Der «Schweiz am Sonntag» liegen die neusten Zahlen vor: Insgesamt zählt die Stiftung 15 Stand- und 31 Durchgangsplätze. Gegenüber dem früheren Bericht aus dem Jahr 2011 sind die Zahlen deutlich gesunken. Damals wies die Stiftung 14 Stand- und 43 Durchgangsplätze aus. Wie Urs Glaus sagt, enthalte die Liste erstmals «ausschliesslich benutzbare Plätze». In den älteren Studien waren auch ungenügende Plätze aufgeführt: «Das ist der Fall, wenn Plätze nicht über Elektrizität und fliessendes Wasser verfügen. Oder wenn die Öffnungszeiten kurz sind, die Miete zu hoch und der Platz nur über Feld- und Waldwege erreichbar ist. Solche Anfahrtswege sind mit Wohnwagen nur schwer befahrbar», sagt Glaus.

An das Vorhaben des Bundes glauben jedoch nicht alle Gruppen von Schweizer Fahrenden. Insbesondere die Bewegung für Schweizer Reisende ist höchst skeptisch, wie Vereinspräsident Mike Gerzner sagt: «Neue Plätze wie beispielsweise in Luzern gab es erst, nachdem wir dafür demonstrierten. Wer bloss redet, schafft das nicht», sagt Gerzner. Die Bewegung stieg aus der Task-Force des Bundes aus. Vom Aktionsplan hält sie auch heute nichts: zu langsam, zu bürokratisch, zu bevormundend. Zudem verlangt die Bewegung Plätze, die ausschliesslich Schweizer Fahrenden zur Verfügung stehen. «Wir haben es satt, dass ausländische Gruppen unseren Ruf ruinieren, indem sie randalieren und Plätze verschmutzen», sagt Gerzner.

Auch Roma fordern Anerkennung
Neben den räumlichen Fragen tagte eine zweite Arbeitsgruppe zu Themen der Bildung und Kultur. Darin kristallisierte sich als wichtigste Forderung die umfassende Anerkennung der Jenischen, Sinti und Roma heraus. Als «Fahrende» seien sie zwar als Minderheit anerkannt, über diese Fremdzuschreibung definierten sie sich aber nicht, sagt Venanz Nobel, Präsident des jenischen Vereins Schäft Qwant: «Der Begriff ist wie ein Suppentopf, in dem völlig unterschiedliche Kulturen vermengt werden», sagt er. Die Forderung unterstützt auch die in der Task-Force vertretene NGO Gesellschaft für bedrohte Völker. Deren Kampagnenleiterin Angela Mattli bezeichnet den künftigen Aktionsplan als «grossen Schritt»: «Zum ersten Mal liegt ein verbindliches Dokument vor, in dem Inhalte priorisiert und die Aufgaben des Bundes geklärt sind. So weit war man noch nie.»

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