Mehr als 6900 Menschen sitzen in der Schweiz hinter Schloss und Riegel. Es sind Dealer, Einbrecher, Mörder. Aber auch sie haben ein Recht auf eine Gesundheitsversorgung. So wie sie auch den Menschen in Freiheit zusteht.

114 Gefängnisse gibt es hierzulande. Während in einzelnen Anstalten die medizinische Betreuung wie in einer Gemeinschaftspraxis organisiert ist, mit Ärzten, medizinischen Praxisassistentinnen und Sekretärinnen, gibt es Gefängnisse, in denen weder eine Krankenschwester noch ein Arzt arbeitet. «Vor allem die kleineren Institutionen sind oft unterversorgt», sagt Bidisha Chatterjee. Sie ist Amtsärztin im Kanton Bern und arbeitet in der Frauenanstalt Hindelbank und im Regionalgefängnis Burgdorf. Zudem ist sie Präsidentin des Fachrats Santé Prison Suisse. Ziel des Gremiums ist es, die Gesundheitsversorgung in den Gefängnissen zu harmonisieren.

Die ungleiche medizinische Versorgung in den Vollzugseinrichtungen ist für den Chef Fachbereich Straf- und Massnahmenvollzug, Walter Troxler, nicht tragbar. «Es drängen sich schweizweite Standards auf», sagt er. Konkret plädiert er für einheitliche Medikamentenabgaben, das Führen von Patientenakten und Gesundheitschecks für Gefangene beim Eintritt in eine Institution. Doch bevor Bidisha Chatterjee diese Standards ausarbeiten kann, ist sie daran, den aktuellen medizinischen Zustand in den Gefängnissen zu eruieren.

Eine erste Zwischenbilanz zeigt: In 10 Prozent der Gefängnisse arbeitet kein medizinisches Personal. Die Folge: Es kommt immer wieder zu unnötigen und vor allem teuren Notfallsituationen. Mit der Ambulanz müssen dann Inhaftierte ins Spital gefahren werden. Schweizweit gibt es nur in den Universitätsspitälern Genf und Bern eine Spezialabteilung für Häftlinge.

Amtsärztin Chatterjee ist jedoch überzeugt, dass einige dieser «Notfallsituation hätten vermieden werden können, wenn die eingewiesene Person vorher besser betreut worden wäre». Also wenn der Inhaftierte bereits beim Eintritt ins Gefängnis einem Check unterzogen worden wäre.

Der Handlungsbedarf ist aber deutlich grösser als in den 10 Prozent der Gefängnisse ohne medizinisches Personal. «Jedes vierte Gefängnis ist medizinisch unterversorgt», sagt Chatterjee. Zwar kommt bei diesen Institutionen ab und zu ein Arzt vorbei, doch häufig muss das Aufsichtspersonal medizinische Aufgaben übernehmen. Beispielsweise eine Ersteinschätzung vornehmen oder Medikamente abgeben. «Das ist unverantwortlich. Vor allem wenn man weiss, wie viele Fehler mit Medikamenten auch geschultem Personal passieren.» Weil es keine einheitlichen Standards über eine minimale medizinische Versorgung in Gefängnissen gibt, kommt es gar vor, dass Inhaftierte ohne Medikamente verlegt werden und es dann zu Komplikationen kommt. Ebenfalls gehen teilweise auch Patienten-Informationen verloren, wenn ein Häftling in ein anderes Gefängnis verlegt wird. Chatterjee sieht deshalb in elektronischen Krankenakten eine Lösung. «So könnte der Austausch zwischen den Institutionen über die Kantonsgrenze hinaus verbessert werden.»

Als Gefängnisärztin kennt sie die Sorgen und Gesundheitsprobleme der Häftlinge. Zwar sind banale Krankheiten wie etwa Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen häufig. Doch auch akute Probleme wie Herzinfarkt, Blinddarmentzündung sind nicht selten. Fast die Hälfte der Inhaftierten leidet zudem an psychischen Problemen.

Allgemein werden Menschen in Haft schneller krank und altern auch eher. Weil die Gerichte vermehrt längere Strafen aussprechen und Verwahrte wenig Chancen auf eine Rückkehr in die Gesellschaft haben, steigt die Zahl der Häftlinge im Seniorenalter rasant. Das heisst: Künftig wird der Pflegebedarf von chronisch kranken Personen mit Diabetes oder Krebserkrankungen hinter Gittern noch zunehmen. Bisher gibt es schweizweit nur in der Strafanstalt Lenzburg eine geriatrische Abteilung. Sie heisst «60plus». Der Fachrat Santé Suisse Prison ist jetzt zusammen mit 12 Vollzugsanstalten daran, einen Katalog mit «guten Lösungen» auszuarbeiten.

Dass die Häftlinge adäquat versorgt werden, ist auch im Interesse der Gefängnismitarbeiter. Davon ist Ueli Hostettler von der Universität Bern überzeugt. Er befragte im Rahmen einer Nationalfondsstudie rund 1800 Mitarbeiter. Seine Auswertungen zeigen: Fast 15 Prozent haben Angst vor Ansteckungen von Krankheiten wie HIV, Tuberkulose und Hepatitis. Sie fühlen sich dadurch in der Arbeit stark beeinträchtigt.

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