Es waren brisante Aussagen, die Bundesrat Ueli Maurer an der SVP-Delegiertenversammlung vom Samstag vor einer Woche machte. Es ging um die Herausforderung der Schweiz und ihrer Armee in der aktuellen Sicherheitslage Europas.

«Die Armee, die in diesem Umfeld Sicherheitsaufgaben wahrnehmen oder allenfalls in einen Konflikt treten muss, wird das inmitten der Zivilbevölkerung tun müssen», sagte Maurer gemäss Tonbandaufzeichnung in der offiziellen Rede vor den Delegierten. Diese Zivilbevölkerung sei möglicherweise nicht mehr so geeint wie auf dem Rütli. «Weil wir verschiedene Volksgruppen haben unter uns, die Beziehungen zum Herkunftsland unterhalten und dadurch beeinflusst werden könnten. Wir haben im Übrigen auch in der Armee etwa einen Drittel Secondos. Möglicherweise stellt es auch für diese Leute ein Konfliktpotenzial dar, wenn sie in den Einsatz gehen müssten. Auch wenn sie sich jetzt integrieren und gut ausgebildet sind.» Es sind Sätze, die aufhorchen lassen: Verteidigungsminister Ueli Maurer hinterfragt in der Öffentlichkeit die Loyalität der Secondos in der Armee, sollte es zu einem Konflikt- oder Ernstfall kommen. Zweifelt er an der Loyalität dieser Secondos in der Armee?

Recherchen zeigen, dass Maurer die Loyalitätsfrage im parteipolitischen SVP-Umfeld schon mehrfach thematisiert hat. Es dürfte dabei um Szenarien sozialer Unruhen und von Flüchtlingen an der Grenze gegangen sein. Diese jedenfalls thematisierte Maurer an der DV im Vorfeld der Secondo-Ausssagen ebenfalls. Maurer sprach von «Unruhen in Griechenland», die «auf Europa überschwappen», und von sozialen Spannungen, die sich auf der Strasse entladen könnten. Er sprach auch vom Arabischen Frühling, «aus dem Frost geworden» sei: «Hunderttausende von Flüchtlingen, die nicht mehr aufgehalten werden und nach Europa drängen, sind die Konsequenz.» Das werde zum Sicherheitsproblem.

Wie sind Maurers Aussagen zu werten? Im Verteidigungsministerium VBS schiebt man sich den Ball gegenseitig zu. Das sei Sache der Armee, sagt VBS-Kommunikationschef Peter Minder. Armeesprecher Walter Frik hält fest, die Armee lege «Wert darauf, dass wir keine Unterschiede bezüglich Herkunft unserer Soldaten machen». Wer Schweizer Soldat sei, sei auch Schweizer Bürger und habe sich zugunsten der Landesverteidigung zu engagieren. «Für alle gelten dieselben Rechte und Pflichten der Bundesverfassung der Eidgenossenschaft sowie des Militärgesetzes.» Weitergehende Fragen dazu dürfe nur Militärsoziologe Tibor Szvircsev von der Militärakademie der ETH Zürich beantworten.

In der Umfrage, die Szvircsev für die Studie «Sicherheit 2014» der Militärakademie hatte machen lassen, meinten 29 Prozent der Schweizer Bevölkerung, Soldaten mit schweizerischer Herkunft seien eher bereit, die Schweiz zu verteidigen, als eingebürgerte Soldaten. Eine Vorauswertung einer breit angelegten Befragung von über 20 000 Rekruten, welche die «Schweiz am Sonntag» vor einer Woche veröffentlichte, zeichnete ein anderes Bild von Secondo-Rekruten: Sie sind motivierter und leistungsbereiter als Rekruten ohne Migrationshintergrund.

Das sagt aber noch nichts aus über die Loyalität im Konfliktfall. «Das ist eine legitime Frage für eine politische Partei und eine legitime Frage für einen Verteidigungsminister», sagt Szvircsev. Wenn man bedenke, dass die Armee zu 29 Prozent aus Secondos bestehe. «Man kann und soll dieser Frage nachgehen und sie wissenschaftlich vorurteilslos beantworten», sagt er. Studien zu Berufsarmeen hätten gezeigt, dass dort Soldaten mit Migrationshintergrund «sehr professionell mit der Loyalitätsfrage» umgingen. Für eine Milizarmee mit Wehrpflicht gebe es dazu aber «noch keine Forschung». Er hoffe, im Rahmen der Grossbefragung «Anhaltspunkte zu erhalten».

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