Drei getötete Schafe und eine getötete Ziege im Raum Einsiedeln, ein gerissener Gämsbock im Kanton Uri allein diese Woche. «Verständlicherweise ist die Bevölkerung beunruhigt. Wir müssen die Situation sehr genau im Auge behalten», sagt Thomas Fuchs, Vorsteher des Amts für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons Schwyz. «Wir empfehlen den Bauern, ihre Schafe und Geissen nachts in den Stall zu nehmen.»

Wölfe wandern. Es könne sein, dass sich der Wolf auch in urbane Gebiete wie Zürich aufmache. «Aber sie sind scheue Tiere – Gebiete mit zu vielen Beunruhigungen meiden sie erfahrungsgemäss eher», sagt Fuchs. Für die Menschen drohe keine Gefahr.

Die Schweiz wird zum Wolfsrevier. «Die Population der Wölfe in der Schweiz wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen», sagt Ralph Manz. Der Wolfexperte der Raubtier-Fachstelle Kora nennt Gründe dafür. Vor zwei Jahren wurden in der Schweiz erstmals Wolfswelpen nachgewiesen. Die sogenannten Calanda-Wölfe hatten in den Jahren 2012 und 2013 je fünf Junge.

Wölfe sind mit zwei Jahren geschlechtsreif – die Jungtiere von 2012 könnten also inzwischen ihrerseits Nachwuchs bekommen haben.

Nicht nur in der Schweiz, auch in den Nachbarländern haben sich die Wölfe ausgebreitet. Gerade die Männchen wandern unglaublich weit, wodurch in der Schweiz mit einem Zuwachs neuer Populationen gerechnet wird. «Bis heute konnten bei uns nur Wölfe aus italienischer Population nachgewiesen werden. Künftig werden wohl auch Wölfe der dinarischen, balkanischen, mittel- und nordeuropäischen Population in die Schweiz kommen», sagt Wolfexperte Manz.

Seit 1995, der Rückkehr des Wolfes in die Schweiz, wurden gemäss Manz 44 Männchen und 12 Weibchen gezählt. Die Dunkelziffer aber dürfte höher liegen, da die Fachstelle Kora nur die genetisch nachgewiesenen Tiere zählt.

«Von April 2012 bis April 2014 konnten wir 21 Wölfe erfassen, 15 Männchen und 6 Weibchen», sagt Manz. «Um die Wölfe genetisch nachweisen zu können, benötigen wir Speichel, Urin oder Kot, in welchen DNA-Material vorhanden ist.» In einem Labor in Lausanne werden die Proben dann analysiert.

Laut Herdenbericht des Bundes könnten dereinst bis zu 300 Wölfe in der Schweiz leben. Für Isidor Baumann, Ständerat (UR/CVP) und Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, ist der rasante Anstieg der Wolfspopulation ein Problem: «Damit nehmen auch die Schäden zu, weil mehr Nutztiere gerissen werden. Also müssen die Herden geschützt werden. Das aber kostet. Und zwar viel.»

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) benötigt für den Herdenschutz dieses Jahr 2 Millionen Franken, 2015 sogar 3 Millionen Franken. Baumann stört sich daran, dass «der Bund den Schutz der Wölfe höher gewichtet als den der Nutztiere». Die Lösung sei einfach: «Für den Frieden ist es gut, möglichst wenig Wölfe in der Schweiz zu haben.»

Stefan Inderbitzin, Mediensprecher WWF Schweiz, widerspricht. «Der Wolf gehört zur Schweiz.» Für ihn ist ein Nebeneinander von Nutztieren und Wölfen möglich. «Aber es braucht Massnahmen zum Schutz der Nutztiere. Die Kosten dafür sind gerechtfertigt, weil sie erfolgreich sind», sagt Inderbitzin.

Ende des 19. Jahrhunderts verschwand der Wolf aus der Schweiz. 1976 wurde er in Italien gesetzlich geschützt – und begann sich auszubreiten. 1995 tauchte das Raubtier im Wallis wieder auf.

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