Die Schweiz driftet auseinander. Die Städte werden linker. Das Land wird rechter. Am Sonntag hat sich der Trend nochmals zugespitzt: In der Stadt Bern warfen SP und Grüne die FDP aus der Regierung und eroberten eine Vier-Fünftel-Mehrheit. In St. Gallen verdrängte die SP die CVP aus dem Stadtrat und beendete die bürgerliche Dominanz. In Basel überstand die rot-grüne Mehrheit den bürgerlichen Angriff unbeschadet und holte beinahe einen Sitz für eine Linksaussen-Frau.

Ganz anders im bevölkerungsreichen, ländlich dominierten Kanton Aargau. Dort schaffte eine bis vor kurzem unbekannte SVP-Politikerin den Einzug in die Regierung. Erstmals überhaupt hält die Volkspartei zwei der fünf Sitze.

Der Stadt-Land-Graben prägt das Land stärker als der Röstigraben, weil er die Lebenswelten auf engem Raum durchtrennt. Sichtbar wird er zum Beispiel im aargauischen Klingnau, nur 15 Bahn-Minuten von Baden entfernt. Hier holte die gewählte SVP-Kandidatin Franziska Roth fast doppelt so viele Stimmen wie ihre SP-Kontrahentin. In der Stadt Baden ist das Stimmenverhältnis umgekehrt. Der parteilose Klingnauer Ex-Gemeindepräsident Peter Bühlmann erklärt: «Baden und Klingnau, das sind zwei Welten.» Es gebe weniger Austausch. «Früher», sagt der 68-Jährige und meint die Zeit bis vor fünf Jahren, «sind die Jungen nach Baden gezogen. Heute können sich dort viele keine Wohnung mehr leisten.»

Bühlmann hat jahrelang in den USA gearbeitet und kennt den Rust Belt, den Rostgürtel, wo zwischen heruntergekommenen Stahlwerken die Unzufriedenheit gedeiht und mit ihr die Unterstützung für Donald Trump. Klingnau als Rust Belt des Aargaus? Viele Stellen gingen hier verloren, und diese Woche gab ABB die Schliessung ihrer Fabrik in Klingnau bekannt – 110 Stellen werden verlagert. In die Stadt Baden. Von amerikanischen Verhältnissen könne man aber noch nicht sprechen, sagt Bühlmann, da der industrielle Abbau in kleineren Schritten erfolge. Aber die Unzufriedenheit wachse. Politisch hat sich das Tal verändert: Die SVP hat die CVP abgelöst.

Besuch im rechtesten Dorf
Noch stärker wird der Kontrast zwischen Stadt und Land 50 Autominuten entfernt von Zürich. Unteriberg im Kanton Schwyz ist das Dorf, das gemäss einer Studie politisch am rechtesten abstimmt. Die SVP hat hier einen Wähleranteil von 75 Prozent. Der parteilose Gemeindepräsident Edy Marty scherzt: «Wir können auch nichts dafür, wenn alle anderen falsch abstimmen.» In Unteriberg denke man noch traditionell: «Die Frau übernimmt wenn möglich die Erziehung und bleibt zu Hause.» Etwas leiser spricht er einen überraschenden Satz aus: «Viele Bauern würden finanziell besser fahren, wenn sie SP wählen würden. Die SVP passt aber mehr zu unserem Lebensgefühl.» Dazu gehört der Stolz auf das Landleben. Marty deutet auf einen Ortsteil am Berg und nennt den Flurnamen: Paradies. Zum Lebensgefühl gehört aber auch das Murren. Die Subventionen für die Landwirtschaft sorgen für eine ungesunde Abhängigkeit. Marty sagt: «Die Hälfte des Einkommens bringt der ‹Briefträger›. Deshalb ist er es, der befiehlt.» Das führe zu Unzufriedenheit. Obwohl Zürich praktisch vor der Tür liegt, fährt Marty nur hin, wenn es sich nicht vermeiden lässt, etwa wegen einer Fahrt zum Arzt.

Am Stammtisch des Restaurants Schäfli nimmt eine Frau einen tiefen Zug an ihrer Zigarette – hier kümmert man sich nicht ums Rauchverbot – und berichtet von ihrer Tochter, die in der Stadt arbeitet: «Sie wird gemobbt, weil sie ein Landei ist.» Die Sprüche über Städter sind am Stammtisch fast so derb wie jene über Ausländer. In Unteriberg wohnt die erste Burka-Frau des Kantons Schwyz. «Briefkastengrind» nennt man sie. Die Asylsuchenden, die mit Smartphones durchs Dorf laufen, sorgen für Unmut. Sie würden im Luxus leben, einige Bauern nebenan in Armut, heisst es. Das neue Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt, dass die Stimmberechtigten auf dem Land Ausländer als grösseres Problem einstufen als jene in Städten. Das erklärt den Erfolg der SVP auf dem Land.

Die Linken erklären ihren Erfolg in den urbanen Zentren mit ihrer Politik. Sie hätten die Städte wieder lebenswert gemacht. Der Basler SP-Nationalrat Beat Jans nennt als Beispiel die Strasse, an der er wohnt. Hier gilt Tempo 20, Kinder dürfen auf der Strasse malen und Rollbrett fahren. Diese Begegnungszone wurde eingeführt, weil zwei Drittel der Anwohner dafür stimmten. Die Familie Jans hat vier Stimmen, weil auch jene der Kinder gezählt werden. Jans jubelt: «Das ist erlebbare Lebensqualität. Das ist ein Hit.» Was in Basel die rot-grüne Begegnungszonenidylle ist, ist in der Zentralschweiz die Jugendpolitik. Luzern hat erstmals in der Geschichte einen SP-Stadtpräsidenten. Der kantonale SP-Präsident David Roth sieht die Schaffung nichtkommerzieller Bars als Erfolgsrezept von linker Politik. Dank dieser seien etwa die Kriminalitäts- und Drogenprobleme rund um das Luzerner Inseli am Vierwaldstättersee verschwunden.

Bürgerliche reagieren
SVP-Präsident Albert Rösti ortet ein demografisches Problem als Grund für den ausbleibenden Erfolg in den Städten: «Ein grosser Teil der Bevölkerung in der Stadt profitiert von staatlichen Leistungen. Weil er entweder beim Staat arbeitet oder entsprechende Leistungen erhält», sagt er. Auf dem Land hingegen gebe es eine KMU-Landschaft und traditionelle Wähler.

CVP-Präsident Gerhard Pfister teilt die Einschätzung und folgert daraus: «Die Bürgerlichen müssen sich mit der Urbanität versöhnen.» Für die Wahlschlappe in Bern gibt er der SVP die Schuld. Mit einem Kandidaten, der polarisiere wie Erich Hess, könne man nicht gewinnen. Albert Rösti bestätigt: «Wir haben ein Personalproblem. Wir müssen bessere Kandidaten stellen.»

Einen provokativen Ansatz gegen das Auseinanderdriften von Stadt und Land äussert ein anderer Bürgerlicher. Der Genfer CVP-Stadtpräsident Guillaume Barazzone fordert, die Infrastruktur zwischen den Städten Basel, Zürich und Genf massiv auszubauen: «Es braucht dreispurige Autobahnen und dreispurige Eisenbahnstrecken.» Er spricht von Hochgeschwindigkeitszügen wie in Japan. Das Gebiet zwischen Zürich und Genf sei schon heute fast eine Metropole. Sein Argument für den Ausbau: «Die Städte sind die wirtschaftliche Lunge des Landes, die Steuersubstrat für die ganze Schweiz produzieren und damit einen Teil der Infrastruktur der Randregionen zahlen.» Auf dem Land sorgen derartige Aussagen allerdings für Kopfschütteln. Würde der Graben durch ein solches Megaprojekt nur noch tiefer?

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.