Von Tobias Keller aus Västervik

Die 12-jährige Josefine Eklund war im April für eine kurze Zeit ein Star in Schweden. Sie gewann ein Wettspiel des Militärs: 90 Minuten lang konnte das Mädchen in der «Jägerwarte»-Position ausharren (gerader Rücken gegen eine Wand lehnen, das Knie 90 Grad angewinkelt halten). Die Presse feierte Josephine, welche die militärische Herausforderung «ziemlich cool» fand. Öffentliche Kritik am PR-Spiel der Armee mit Kindern? Fehlanzeige.

2010 hat Schweden die Wehrpflicht abgeschafft. Seither muss sich die Armee auf dem Arbeitsmarkt um taugliche, tüchtige Soldaten bemühen. Dies tut sie mit Methoden, die in der Schweiz nicht nur bei der GSoA zu Aufständen führen würden. Vorträge und Rekrutierungsauftritte an Schulen gehören für Lehrer, Kinder und Jugendliche zum Alltag. Auch rund um Sportverbände ist die Armee präsent.

Unihockey gehört in Schweden zu den beliebtesten Sportarten. Der diesjährige Finaltag um die schwedische Meisterschaft hat über 18 000 Zuschauer nach Stockholm gelockt. Darunter viele Familien mit Kindern oder ganze Juniorenabteilungen einzelner Vereine. Mittendrin: die Rekrutierprofis der Armee. Diese ist ein Hauptsponsor des schwedischen Unihockeyverbands. Der Strafraum ist in Tarnfarben abgeklebt, und zu Helikopterlärm seilen sich vor dem Anpfiff drei Soldaten von der Decke aufs Spielfeld ab und bringen den Spielball. Tosender Applaus für die Einlage vom Publikum.

Der frühere liberal-konservative Ministerpräsident Schwedens, Fredrik Reinfeldt, soll die Armee einmal als «Nebenschauplatz» bezeichnet haben. In seiner Amtszeit wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Doch der Wind hat gedreht. Schweden wurde wieder linker – und ironischerweise zugleich armeefreundlicher. Gegen Ende von Reinfeldts Amtszeit 2014 häuften sich unfreundliche Begegnungen mit russischen Jets nahe der schwedischen Ostseeinsel Öland. Im Herbst 2014 hat eine links-grüne Regierung das Ruder in Stockholm übernommen und für 2015 als Erstes eine Erhöhung des Verteidigungsetats beschlossen.

Wer glaubt, dies widerspreche dem Wählerwillen, liest diese Zeilen mit Schweizer Brille. 2015 lagen Schwedens Ausgaben für Verteidigung bei 1,24 Prozent des BIP (in der Schweiz liegt der Wert bei etwa 0,76 Prozent). Da Schweden über eine starke eigene Rüstungsindustrie verfügt, kann zum Beispiel die Anschaffung von neuen Flugzeugen auch als Arbeitsplatzsicherung interpretiert werden: Beschäftigungsprogramme ganz im sozialdemokratischen Sinn. Das Rüstungsunternehmen Saab (im Besitz der Familie Wallenberg) mit weltweit rund 12 000 Angestellten ist auch in Schweden ein enorm wichtiger Arbeitgeber. Da kann sich auch eine links-grüne Regierung eine Budgeterhöhung für den Kauf neuer Gripen-Jets leisten.

Handel mit Nazideutschland
Die armeefreundliche Grundstimmung hat historische Gründe. Im Zweiten Weltkrieg wurde Schweden – wie die Schweiz – nicht besetzt. Einen schwedischen «Reduit-Mythos» sucht man jedoch vergebens. Den Schweden ist bewusst, dass ihr diplomatisches und wirtschaftliches Verhalten und nicht die militärische Stärke für die Unversehrtheit mitverantwortlich waren. In den ersten Kriegsjahren nahm der Handel zwischen Schweden und Deutschland enorm zu. Schweden importierte Kohle und lieferte Eisenerz sowie Kugellager. Auch Raoul Wallenberg, Spross der grossen schwedischen Industriellenfamilie, handelte mit seiner «Mellaneuropeiska Handelsaktienbolaget» direkt mit Deutschland.

Im Kalten Krieg richtete sich der Fokus der schwedischen Abwehr gegen Osten. Immer wieder überstand Schweden diplomatische Krisen mit der Sowjetunion. Eine mit Abhörgeräten vollgepackte schwedische DC-3-Maschine verschwand 1952 in der Ostsee – später gaben die Russen den Abschuss zu. Das Wrack ist heute im schwedischen Luftwaffenmuseum zu begutachten.

Gerade diese Woche sieht sich Schweden wieder durch mögliche russische Ansprüche in der Ostsee gefährdet. Schon seit langem fliesst durch die Gasleitung «Nord Stream» (die Betreiberfirma sitzt im schweizerischen Zug) Gas von Russland nach Deutschland. Nun soll «Nord Stream 2» die Lieferfähigkeit des russischen Gasriesen Gasprom massiv erhöhen. Am vorletzten Donnerstag hat Aussenministerin Wallström ihren Unmut über den Ausbau verkündet. Die Regierung möchte die zwei Häfen, die als Basis für den Bau benötigt werden, nicht freigeben. Schweden befürchtet, durch «Nord Stream 2» würde die strategische Bedeutung der Ostsee für Russland noch mehr steigen. Die Schweden kritisierten, Deutschland und die EU würden zu sehr vom russischen Gas abhängig und dadurch erpressbar.

Im August feierte die schwedische Luftwaffe ihr 90-Jahr-Jubiläum mit einer Flugshow der Superlative in Linköping. Das Nicht-Nato-Mitglied Schweden lud dazu Nato-Jets, die US Airforce, die kanadische Luftwaffe und eine Schweizer FA-18 ein. Unterhaltung für die ganze Familie stand an diesem Tag im Zentrum. Die beiden Werbetage fürs Militär waren selbstverständlich gratis – 130 000 Neugierige und Armeefans dankten dies mit ihrem Kommen. Ein Rekrutierungsoffizier sagte vor Ort zur «Schweiz am Sonntag» ohne Umschweife, es handle sich um einen der grössten PR-Anlässe des Militärs.

Praktisch alle Waffengattungen präsentierten Technik, Erlebnisfaktor und Zukunftschancen. Den Vogel abgeschossen hat die Flugabwehr: Besucher konnten die fliegenden Jets durch eine mobile Boden-Luft-Lenkstation ins Visier nehmen und einen Abschuss simulieren. Mitten in Picknickdecken und Kühlboxen. Kritik gab es an diesem Anlass freilich nicht, denn Luftwaffe und Flugzeugbauer Saab, der Lieferant der Gripen-Jets, sind grosse lokale Arbeitgeber (Saab hat in Linköping etwa 5000 Angestellte).

Saab war ebenfalls unübersehbar präsent. Hier in Schweden bemüht sich das Militär um Familien und den Nachwuchs. Im Luftwaffenmuseum zum Beispiel fahren die Kleinsten in Kampfjet-Tramp-Velos umher und erraten Flugzeugtypen anhand von Fluggeräuschen, während sich die Armee in der Schweiz sogar von bundeseigenen Einrichtungen wie dem Nationalpark mit Negativ-Propaganda konfrontiert sieht. So konstatiert das Jugendbuch «Globi im Nationalpark»: «Doch das Schlimmste kommt am Ende: Düsenjäger-Kampfverbände üben Luftkampf überm Tal und ihr Lärm ist eine Qual.»

Verschiedene Übungen des schwedischen Militärs sind oder waren diesen Sommer im Gang. Namen wie «Bison Counter 2016» oder «Northern Coast 2016» geben den Übungen einen internationalen Anstrich. Eine Übung der Luftstreitkräfte (Szenario: Finnland greift Schweden an) Anfang September über der Gemeinde Västervik wurde in der Lokalpresse damit angepriesen, dass die Bevölkerung die Möglichkeit habe, die Kampfjets in Aktion zu sehen. Gross war die Überraschung, als die lauten Flugmanöver morgens zwischen drei und sechs Uhr abgehalten wurden. Fluglärm an einem Wochenende und zudem in den frühen Morgenstunden – nach Schweizer Empfinden wäre das ein Skandal. Auf Nachfrage sind der Lokalpresse keine erbosten Anrufe oder Mails bekannt, auch einen Artikel über die nächtlichen Flüge sucht man vergebens.

Pulverfass Nato-Frage
Die schwedische Armee hat für die Verteidigung von über 447 500 Quadratkilometer Land etwa 13 000 aktive Soldaten, fünf U-Boote, 35 Kriegsschiffe, 120 Panzer und 121 Gripen-Jets zur Verfügung. Die Schweden stehen weder dem nächtlichen Fluglärm noch den Werbeauftritten der Armee in Schulen oder an Sportanlässen kritisch gegenüber. Und doch ist nicht alles in Minne: Eine Studie, die von Schwedens Regierung in Auftrag gegeben wurde, kommt zum Schluss, dass ein Nato-Beitritt Schwedens das Risiko eines militärischen Konflikts mit Russland verringern würde.

Die links-grüne Regierung sieht im Bericht keine Empfehlung für oder gegen einen Beitritt, bürgerliche Kräfte aber schon. Aussenministerin Wallström fürchtet durch einen Nato-Beitritt Schwedens einen diplomatischen Zwist und eine verstärkte Aufrüstung der Russen in der Ostsee. Die Debatte darüber ist erst gerade angelaufen – sie hat das Potenzial, das Land zu spalten. So oder so steht die Sicherheitsfrage wieder ganz oben auf der politischen Agenda.

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